Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 7-9 (April 1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 299 (sequence 25)
- Belongs to
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109 ten — man hat mit diesem Begriff des ״Noch-nicht-fähig-Seins“ einen Kult getrieben und treibt ihn im Kreise der Werkleute noch bis auf den heutigen Tag. Innere Entwicklung ist gewiß etwas sehr Schönes, und Reifwerden ist das fruchtbarste Stadium auch der menschlichen Entwicklung. Es hat aber keinen Sinn, die ״Stufen der Bereitung“ bis ins Endlose auszudehnen, Indem man sie und sich mit immer neuen Problemen belastet. Man hat, wenn man von der religiösen Haltung sprach, die Werkleute wohl als ״Ungläubige aus Ehrlichkeit“ bezeichnet. Diese Jugend könne nur tun, was sie glaubt, und nur glauben, was sie tut. Jedes Mehr sei eine Unwahrhaftigkeit; Kompromisse und Experimente seien nicht erlaubt. Die Konsequenz aus solcher inneren Haltung müßte eigentlieh das Lernen sein, als Voraussetzung alles Tuns und Wissens, und in den Veröffentlichungen des Bundes heißt es auch, das Lernen müsse einen wesentlichen Teil des Lebens im Bund bilden. In der Praxis ist es aber anders damit bestellt. Man spricht sehr viel vom Lernen, aber bevor man sich daran macht, will man die ״innere“ Voraussetzung schaffen und kommt oft nicht über Einleitungen hinaus. Der Bund der Werkleute ist heute wohl der lebendigste und agilste von allen jüdischen Jugendbünden in Deutschland, aber lebendig und beweglich nicht hinsichtlich der Leistung, sondern nur im Hinblick auf das allgemeine, in den Bünden herrschende dynamische Prinzip. Eine ungeheure Aufgeschlossenheit steckt in diesen Menschen, eine Fähigkeit, jede Anregung aufzunehmen, aber leider nicht immer der ernste Wille, sie mühsam zu verarbeiten und zu nutzen.*) In dem Aufsatz ״Die Glaubenssituation der jüdischen Jugend Hemmungen und Ansätze“, der unmittelbar dem oben zitierten Aufsatz von A.Wolf vorangeht, charakterisiert Heinz Kellermann ganz ausgezeichnet diese im allgemeinen recht sympathisch wirkende Jugend der Werkleute.“ ״Diese Jugend hat es vielleicht am schwersten, weil sie selbst es sich schwer macht. Sie ist zu umweltverwurzelt ge- *) Es war für den Verfasser dieser Zeilen immer sehr interessant, in neue, ihm unbekannte Schulklassen hineinzukommen. Nach wenigen Minuten des Unterrichts weiß man mit ziemlicher Genauigkeit zu sagen, wer Mitglied der Werkleute ist, während die charakteristischen Eigenheiten der anderen Jugendbünde — ilabonim, Brith-Hanoar, Esra. Trumpeldor — wenn überhaupt, dann erst langsam innerhalb der Schule zum Ausdruck kommen.