Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 135 (sequence 49)
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135 Beide wollten doch den jüdifchen Menfchen, gleich ob Laie oder Rabbiner, ertüchtigen. Den in der Thora verankerten Juden zu einem berufstüchtigen, in dem Wirtfchaffsprozeß fchöpferifch mitarbeitenden Menfchen zu erziehen, war das Ziel des von Hirfch gefchaffenen Schulsystems. Rabbiner Hildesheimer fchwebte das Ideal eines Rabbiners vor, der durch seine reichen talmudifchen Kenntnisse einen Beitrag für die jüdifche wissenfchaftliche Forfchung zu liefern imstande ist. Beiden gemeinsam war das Streben, die Geltung des Judentums vom Erzieherifchen her zu stärken. Und nun kommen wir auf das ״Thora-im-Derech-Erez״- Prinzip selbst zu sprechen: Nach Auffassung vieler ist die Bildungsfreundlichkeit Hirfchs als Kompromiß an die Umwelt zu verstehen. Auch die Orthodoxie sei von der umgebenden Kultur beherrfcht gewesen. Von diesem Beherrfchtsein durch die Kultur der Umwelt beginne man jetzt, unter dem Zwange der neuen Verhältnisse, sich zu befreien, und so meinen sie, daß jetzt die Zeit gekommen ist, da man sich vom ״Thora-im-Derech-Erez״-Prinzip loslösen muß. Dagegen führte Dr. Landau in seinem Vortrag aus, daß die Befchäfligung mit der Weltkultur nicht ein notwendiges Übel, sondern aufrichtige Herzenssache bei Hirfch gewesen ist. Das ״Thora-im-Derech־Erez׳׳-Prinzip verdanke seinen Ursprung nicht opporiunistifchen Erwägungen, sondern der tiefen Überzeugung, daß das Beste der Menfchheitskultur eine glückliche Ergänzung und Bereicherung der jüdifchen Gesamtpersönlichkeit bilde. Er habe fest daran geglaubt, daß die Einbeziehung der großen Menfchheitswerte in den von der Thora beherrfchten jüdifchen Kuliurkreis nur zur Vollendung und Erhöhung des jüdifchen Daseins beitragen könne. Diese Formulierung Landaus bedarf einer Erläuterung. Wenn wir Judentum und Weltkultur bezw. Menfchheitskultur gegenüberstellen, so muß sich die Frage nach der Vereinbarkeit dieser beiden heterogenen Kulturen Jedem aufdrängen. Bekanntlich wird sowohl von den ganz Frommen als auch von den Liberalen der Widerspruch empfunden, und die Lösung dieses Widerspruchs wird von beiden Seiten in einer absoluten Negation gesucht: Negation der Weltkultur auf der einen Seite, Negation der jüdifchen Kultur auf der anderen Seite. Wenn Dr. Landau nun erklärt, daß nach Hirfch Judentum und Weltkultur sich durchaus vertragen können, oder, wie er sich bildlich ausdrückte, beide wie ״ein Baum aus einer Wurzel wachsend und seine Zweige sich nach vielen Seiten hin entfaltend" seien, so