Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 17)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2551369-2551418-2551421--2519-2554045- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
103 uns kühn hinweg über die Schranken, die ein mittelalterlicher Geist gezogen um Tat und Genuß, — wischen ab den orientalischen Staub von Palästina und — mit Frack und Krawatte, mit Poesie und Logik, mit Aesthetik und Dogmatik, mit Politik und Dramatik munden uns Speisen, die wir nimmer gekostet, berauschen wir uns mit europäisch-klassischen Gedanken aus Latiums und Graeciens Born, werden wir Prälaten und Schmiede — sind wir nicht jenes altväterliche Volk aus Asien mehr, sind wir Briten und Gallier, Belgier und Deutsche! — Jahrhundert der Konstitution! Auch das Judentum wird konstitutionell. Sonst konntest du Gesetze geben, göttlicher Moses aus Aegypten; solange wir unmündig waren, war dein allein die gesetzgebende Gewalt. Wir sind aber mündig geworden! Nur Vorschläge sind deine Gesetze uns fortan; wir verwerfen, was nicht vor dem Forum unserer Einsichten und Ueberzeugungen besteht; Exegese und Kritik sind unsere Macht, und das zweitausendjährige Märchen von Traditionen gängelt uns längst nicht mehr. — — Freilich gibt’s noch fanatische Alte und heuchlerische Junge genug, die hemmen zu können vermeinen das Rad der Zeit, die den Todeskrampf zur Geburtswehe umstempeln möchten, die in ihrem starren und formgläubigen Gemüte nur Freude finden am Starren und die abgestorbene Vergangenheit wieder ins Leben rufen wollen für die Ewigkeit und wieder auslöschen möchten das kaum begonnene Licht der Zivilisation und wieder fesseln möchten das im Zeitgeist freigewordene Volk, — aber das wird ihnen nimmer gelingen! — Seht da, die Schar der Kämpfer für Licht und Wahrheit! — allesamt die Fackel kritischer Vernunft in der Hand! — sie eilen heran zu mir! Sie rufen mich! — Ich an der Spitze — vorwärts! Wir stürmen die talmudische Bastille!“ — Und nun folgt die Vision, die in ihrer erschütternden Furchtbarkeit den Verfasser des Chaurew wachend und schlafend nicht verläßt: ״Ich sah Perez an der Spitze seiner nicht minder vom Wahn ergriffenen Leute mit geschwungener Fackel hinanstürmen den Weg zum Tempelberg. Hoch und ruhig stand auf dem Gipfel noch die heilige Tempelburg des! göttlichen Gesetzes. Bis in die Tiefe hinab deckte den Berg die zahllose Schar aller der hehren Männer, die nun seit drei Jahrtausenden lehrend und erfüllend, schirmend und kämpfend, blutend und siegreich lebten und starben für Gottes Gesetz. — Sie sahen die wahnsinnige Schar, hörten ihren rasenden Jubel, erkannten das Ziel wütenden Heranstürmens — und verhüllten ihr Haupt. Sie waren gewohnt, fremde Streiche zu dulden, waren gewohnt, für die eigenen Söhne zu sterben und zu siegen, nicht aber den Streichen der eigenen Söhne die Wange errötend zu bieten. — Sie verhüllten ihr Haupt. Und hinan stürmte die Rotte mit geschwungenen Fakkein — Bart und Gewänder sengten sie höhnend den Greisen — zum hohen Scheiterhaufen türmten sie die Schriften der Alten — weit prasselnd schlug die Flamme darüber zusammen — und Funken flogen himmelan. Noch stand die heilige Veste in erhabener Ruhe, und gern hätten sie des Tempels geschont, aber das von ihnen entzündete Feuer war nicht mehr in ihrer Macht. Ein wogendes Feuermeer deckte den Tempelberg; von der Hitze sprangen auf die weiten hohen Flügeltüren, und das Heiligtum nahm