Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 9)
- Belongs to
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95 Wäre es nicht an der Zeit, die Mär von dem Partikularismns des Judentums, allem diesem Tatsächlichem gegenüber, mit so manchen andern, lange und gerne genährten, unbegründeten Vorurteilen zu Grabe zu tragen? Jedenfalls wird man zugestehen, daß eine Lehre, welche den Schwerpunkt des Menschenwertes nicht in größeren oder geringeren Anteil an materieller und geistiger Größe, sondern in größere oder geringere Pflichttreue gegen das Sittengesetz verlegt; die nicht materielle und geistige Erwerbsfähigkeit für das eigene Interesse, sondern selbstlose Opferfähigkeit und freudige Hingebung alles Erworbenen für das Wohl der Nebenmenschen als Höhemesser der Menschenwürde betrachtet ־, die auch für die Staatenbildung nicht in der Macht der Gesamtheit und nicht in der Selbstbedürftigkeit des Einzelnen, sondern in dem Pflichtbewußtsein und der Rechtsachtung aller das einzige wahrhafte Bindemittel erkennt; eine Lehre, welche die geistige Erleuchtung und sittliche Veredlung für ein solches von Pflichtbewußtsein und Rechtsachtung getragenes Menschen- und Völkerleben als Gesamtziel aller Menschen und Völker, und alle Gänge der Geschichte nur als gottgeleitete Wege zu diesem Gesamtziele verkündet: daß eine solche Lehre in eminentem Sinne geeignet sein dürfte, die Jugend bei ihrer Einführung in die Kenntnis der Geschichte zu begleiten und sie zu einer für alles Gute und Edle begeisternden, gegen alles sittlich Niedrige und Schlechte waffnenden, gerechten Würdigung der geschichtlich hervortretenden Erscheinungen, wie zu einer hingebungsvollen menschlichen und vaterländischen Beteiligung an allen geschiehtliehen Ereignissen der Gegenwart zu befähigen. Freilich wird vor einer Anschauung der allerjüngsten Zeit, die den ״Kampf ums Dasein“, dieses Stichwort ihrer Deutung aller Erscheinungen des physisch-organischen Lebens, auch auf das Gebiet der Erscheinungen des individuellen Menschen- und Völkerlebens übertragen und den ״Kampf ums Dasein״ zum allein wirkliehen und allein berechtigten Hebel aller Menschentat und aller Völkerentwicklung erklären möchte, vor einer Anschauung, die konsequenterweise die rücksichtsloseste, ihre Macht nur zu ihrem Vorteil gebrauchende Gewalttat als Ideal der Menschengröße bewundern, sich aufopfernde Pflichttat aber als Torheit, ja als Verbrechen verurteilen müßte, freilich wird vor einer solchen Anschauung auch eine unserer jüdischen Menschen- und Menschheitslehre entsprechende Geschichtsauffassung wenig Gnade finden. Allein welcher Menschenfreund wird nicht bei dem bloßen Versuch einer