Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 56 (sequence 58)
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56 Vorstellung von dem gleichen Kern aller Religionen erleichterte vielen den Uebertritt zum Christentum. Vor allen Dingen aber konnte sie zur Ideologie dienen, um das Judentum auf einen Lehrgehalt vernunftreligiöser Haltung einzuschränken und die Lösung vom Religionsgeteetze zu rqchtfe,rtigen. Diese Ideologie hatte die Assimilation in ihren letzten Folgerungen aufgenommen und die Mischehen zwischen Christen und Juden mit und ohne Uebertritt zum Christentum gerechtfertigt. Die tatsächliche oder bewußtseinsmäßige Zugehörigkeit zu außerjüdischen Gruppen, die jenseits der bestehenden Gegensätze entstanden sind, erfuhr auch eine positive, ideologische Begründung. Es wurde schon oben die Funktion der soziologischen Oberbegriffe wie Menschheit, Staat, bürgerliche Gesellschaft im Denken dieser Zeit erörtert. Gleichzeitig mit der theoretischen Einordnung der Einzelnen in diese Kategorien beginnt auch die Zurechnung der Juden zu der Gemeinschaft der Deutschen als einer Nation. Daß dies möglich war, lag an der Auffassung des Nationalbegriffs, als einer Einheit sprachlich-kulturell gleichgeformter Individuen. Schon bei Gumpertz sahen wir, daß er auf Grund seiner deutschen Bildung sich in die Gemeinschaft der Deutschen einbezog. Von Mendelssohn ist es bekannt, daß er Friedrich dem Großen gegenüber für das Vorrecht der deutsehen Sprache eintrat.167) Trotzdem bei Mendelssohn der Begriff von einer jüdischen Nation lebendig ist, protestiert er gegen Michaelis, der sich ״anstatt Christen und Juden .... beständig des Ausdrucks Deutsche und Juden“168) bedient. Mendelssohn weiß, daß dieser Gegensatz noch allgemein empfunden wird, fragt aber, ״ob es nicht zum Besten der Menschheit und ihrer Cultur gereiche, diesen Unterschied in Vergessenheit kommen zu lassen“.169) Diese Bestrebung, durch eine kulturelle Angleichung sich das Recht der Zugehörigkeit zum Deutschtum zu erwerben, ist für das assimilatorische Judentum des 19. Jahrhunderts charakteristisch geworden. Sie hat weitgehend das betonte Bildungspathos der Juden in Deutschland bestimmt, die durch das Streben nach deutscher Bildung die innere Berechtigung der bereits erreichten bürgerlichen Gleichstellung erweisen wollten. Diese Haltung ist im Keime schon bei Beginn der Assimilation vorhanden. Sie hat 167) Schriften־, BdL IVb. S. 68. 168) Abged!ru!ckt bei Dohm, Bd. II, S. 75. 169) Ebenda, S. 76.