Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 55 (sequence 57)
- Belongs to
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55 der gesellschaftliche Verkehr auf Grund einer gemeinsamen Ge־־ sittung. Gewiß galt auch noch in den Salons der ״Geist“ als Rechtfertigung de;r Zugehörigkeit, aber er konnte nun auch durch eine gemeinsame Form der gesellschaftlichen Haltung und Gesittung ersetzt werden. Es wurden auch, wie Schleiermacher am Ende der neunziger Jahre berichtet, Menschen von bloßen geselligen Fähigkeiten geschätzt. Das Wichtignehmen der Gesittung hat dann die jüdischen Lebensformen endgültig verdrängt, ihnen auch in den Augen der aufgeklärten Juden die Eigenschaft des Verächtlichen und Lächerlichen verliehen, so ״daß deren Beobachtung in Gegenwart fremder Religionsverwandten, selbst der Dienstboten, uns scheu, verlegen und oft unruhig machten“, wie David Friedländer sich ausdrückt.163) Die theoretische Begründung für die Lossagung vom Religionsgesetz lag in der Richtung de;r Mendelssohn’schen Theorie vom Judentum. Wenn das Religionsgesetz keinen besonderen Lehrgehalt zur Grundlage hatte, sondern nur die Lehre der Vernunftsreligion verdeutlichen und den Juden einprägen wollte, so konnte es jetzt, nachdem diese Absicht erreicht war, keinen Anspruch mehr auf Geltung erheben. Im Gegenteil war man durch die Anerkenntnis dieser Lehre auch durch Nichtjuden mit diesen verbunden, und selbst der Vereinigung mit ihnen stand kein Bedenken im Wege. Die letzte Folgerung dieser Ueberlegung zog David Friedländer. Er machte dem Probst Teller in Berlin den Vorschlag, zum Christentum übertreten zu wollen, wenn ihm der Glaube an die Lehren der Vernunftreligion als ein zureichendes Bekenntnis zum Christentum angerechnet würde. Dieser unsinnig erscheinende Vorschlag war möglich geworden, weil die aufgeklärten christlichen Theologen bestrebt waren, die Dogmen des Christentums mit der Lehre der Vernunftreligion in Einklang zu bringen,164) wodurch die Vorstellung geweckt wurde, ״daß der Geist, der Kern, das Wesentlichste aller Religionen ohne Ausnahme nur in denjenigen Wahrheiten bestehen könne, welche zur größtmöglichen Bildung, Vollkommenheit und Entwicklung aller ihrer Kräfte führe“.165) Der Vorschlag Friedländers wurde abgewiesen.166) Doch diese 163) Friedländer: ״Sendschreiben einiger Hausväter jüdischer Religion an den Probst Teller“, 1799. 164) DMthey, a. a. O. S. 89. 165) Friedländer, a. a. O. S. 17. 166) Vgl. Grätz, a. a. O. B& XI, S. 158.