Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 35 (sequence 37)
- Belongs to
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35 erst recht als ein Prinzip von zeugender Fruchtbarkeit und unendlicher Entfaltungsmöglichkeit dar. Seine sinngerechte Erfassung und Verwirklichung eröffnet ungeahnte Perspektiven für den Anteil jüdischen Geistes an der Weltkultur und für die Befruchtung des Geisteslebens der Menschheit durch die Thoraidee. Von einer so veränderten Mentalität des thoratreuen Juden, von seiner neu gewonnenen souveränen Haltung, Elastizität und geistigen Reichweite her sind neue unerhörte Gestaltungen denkbar. Man stelle sich vor, daß Bergson, Freud, Husserl Juden im Hirschschen Sinne gewesen wären: die europäische Kultur hätte heute ein anderes Gesicht. Allerdings, das eine muß gesagt werden: wenn es nicht gelingt, das Thorawissen der westlichen Judenheit auf einen höhereu Stand als bisher zu bringen, bleibt Hirschs großer Gedanke eine Farce und muß unfehlbar zum Zusammenbruch führen. Reiches und lebendiges Thorawissen ist die stillschweigende unabdingbare Voraussetzung für jede Reform und Neuorientierung. Thora und Profankultur sind ein System kommunizierender Röhreu. Nur wirkliches, inniges Erfülltsein von Thorakenntnis und Thorageist gibt die Gewähr für eine gesunde allseitige Entwicklung der jüdischen Persönlichkeit. Aber die Aneignung jüdischen Wissens braucht nicht den gleichzeitigen Erwerb anderer Bildungsgüter auszuschließen. Es ist eine Frage der Lehrtechnik, der richtigen Organisation und Zeiteinteilung, dem jungen Mensehen das ausreichende Maß jüdischen und profanen Wissens zu vermitteln, das eine harmonische Ausbildung gewährleistet. Es kommt nicht auf oft unverdaute Mengen von Wissenstoff an, sondern auf die Eignung, lebendiger, innerlich verarbeiteter Bestand teil der Gesamtpersönlichkeit zu werden. Seit einem Jahrhundert befindet sich das jüdische Volk in einer neuen Epoche seines Schicksalswegs, die im Zeichen der Auseinandersetzung mit der Menschheitskultur steht. Diese Entwicklung ist unwiderruflich. Geistige Prozesse sind nicht mehr rückgängig zu machen. Trotz hie und da auftretender politischer Beschränkungen und wirtschaftlicher Schwierigkeiten läßt sich das jüdische Volk seine Teilnahme am allgemeinen Kulturleben nicht rauben. Daß sie dem Judentum und der Menschheit zum Segen gereiche, wird nicht zuletzt die sinngerechte Verwirklichung je- 11er großen und fruchtbaren Losung herbeiführen, die ein genialer Führer mit weitschauender Voraussicht über die Zeiten hinweg verkündet hatte, der Losung: Thora im Derech Erez.