Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 29 (sequence 31)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2551369-2551418-2551420--2440-2553965- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
29 besondere der Ausschluß der Juden aus dem deutschen Kulturleben, haben diese Anschauung noch bekräftigt und das Mißtrauen gegenüber jenem Bereich, der mit den Ausdrücken: europäische Kultur, Bildung, Wissenschaft, Derech Erez im Hirschschen Sinne umschrieben wird, bedeutend verschärft. Solchen Tendenzen, wo sie, aus Tradition und Ueberzeugung erwachsend, sich auf eine selbständige Argumentation stützen, wird niemand, dem nicht an einer Uniformierung des geistigen Lebens gelegen ist, ein Existenzrecht absprechen wollen; aber sofern sie sich in ihrer Beweisführung auf S. R. Hirsch berufen und ihm ihre Gedankengänge unterschieben wollen, muß ihnen nachdrücklichst widersprochen werden. Von den Verfechtern dieser Anschauungen wird S. R. Hirschs Leistung und Absicht völlig verkannt. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß für Hirsch die Beschäftigung mit der Weltkultur nicht ein notwendiges Uebel, sondern aufrichtige Herzenssache gewesen ist. Das Thora im Derech Erez-Prinzip verdankt seinen Ursprung nicht opportunistischen Erwägungen, sondern der tiefen Ueberzeugung, daß das Beste der Menschheitskultur eine glückliche Ergänzung und Bereicherung der jüdischen Gesamtpersönlichkeit bildet. Ebenso wie S. R. Hirsch davon durchdrungen war, daß die Verwirklichung der jüdischen Ideale die Krönung des menschlichen Lebens überhaupt bedeutet, so glaubte er auch fest daran, daß die Einbeziehung der großen Menschheitswerte in den von der Thora beherrschten jüdischen Kulturkreis nur zur Erhöhung und Vollendung des jüdischen Daseins beitragen kann. Samson Raphael Hirsch hat den Sinngehalt seiner Epoche erfaßt, und er hat begriffen, daß eine neue Zeit auch ein neues Wort erfordert. Er sah, daß mit dem Anbruch des neunzehnten Jahrhunderts eine jahrhundertelange Epoche endgültig zu Grabe getragen, und daß eine prinzipiel 1 neue Wendung eingetreten war, die eine prinzipiell neue Einstellung notwendig machte. Er hat nicht versucht, die stürzenden Ghettomauern in ohnmächtigem Bemühen aufzuhalten, sondern alle Kräfte daran gesetzt, um das dem Ghetto entronnene Volk vor planloser Zer- Streuung zu bewahren und es in disziplinierter Geschlossenheit einer neuen, helleren, wohnlicheren, doch darum in Gesetz und Lehre nicht minder festgegründeten Heimstätte entgegenzuführen. So gesehen, war S. R. Hirsch nicht bloß ein für seine Zeit verdienstvoller Rabbiner und Schriftsteller oder, wenn man es anders will, ein hervorragendes Glied in der fortlaufenden Kette