Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VII (5697) 1936/37
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Belongs to
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25 Raphael Hirsch in der deutschen Orthodoxie? Diese Haltung ist nicht von ungefähr aufgekommen, sondern das Ergebnis eines längeren geistigen Prozesses: ihre letzte Ursache liegt in dem Gefühl einer tiefen Unsicherheit, das die deutsche Orthodoxie in den Jahrzehnten nach dem Weltkrieg befallen hatte. Die Begegnung mit der Welt des Ostjudentums, die intensive Beschäftigung mit der jüdischen geistigen Problematik haben die frühere Selbst־ Sicherheit der deutschen Orthodoxie, das beruhigende Bewußtsein, sich auf dem richtigen Weg zu befinden, erschüttert, ihr den Ab־ stand von einem idealen Volljudentum klargemacht und in ihr ein Gefühl heftiger Unbefriedigtheit und Ergänzungsbedürftig־ keit wachgerufen. Man begann die Grundlagen des Weltbildes, das bislang in der deutschen Orthodoxie Geltung hatte, nachzuprüfen und entdeckte in ihm eine( Reihe von Mängeln und Lücken. Gegenüber der Geschlossenheit und wachen Intensität der östliehen Judenheit empfand man die deutsch-orthodoxe Auffassung des Judentums als in vielen Bezügen unzulänglich. Insbesondere das Prinzip: Thora im De rech Erez, bisher der Stolz des deutschen Judentums, erfuhr numnehr viel־ fache und immer dringlichere Anzweiflung. Man begann irre zu werden an seinen angeblichen Segnungen und bestritt sein volles Bürgerrecht in einem hundertprozentigen Judentum. Ließ die Pietät vor der Größe S. R. Hirschs seine völlige Verwerfung nicht zu, so suchte man es doch durch engere und engste Auslegung seines eigentlichen Charakters zu entkleiden und es so, quasi entgiftet und unschädlich gemacht, als harmlose, traditionsgemäße Devise weiterzuführen. Einer nach einem ungebrochenen Voll־ judentum sich stürmisch sehnenden Jugend erschien es als eine verhängnisvolle Halbheit, als eine allzu konzessionsfreudige Theorie, als zeitgeborene Notlösung, die neuen und besseren Erkenntnissen zu weichen habe. Allmählich entstand (vielfach unwidersprachen) in weiten Kreisen die Auffassung, als sei das Lebenswerk Samson Raphael Hirschs nichts als ein im Drang des Augenblicks geborener Versuch, sich inj einer schwierigen geistig-religiösen Situation so gut es ging zu behaupten und, unter besonders ungünstigen historischen Umständen, in geschickter Weise zu retten, was noch zu retten war; daß aber dieser Versuch als gescheitert anzusehen sei, daß er heute keine Geltung mehr habe und daß allein das Ost judentum mit seiner kompromißlosen Einstellung und seinen rein jüdischen Lebensformen Vorbild und Riehtmaß zu sein habe. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit, ins-