Mannheim
Compact Memory

Nahalat tsevi · 1936-07-01 · Heft 10-12 (Juli 1936) · p. Seite 325

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
VI (5696) 1935/36
Issue
Heft 10-12 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 325 (sequence 71)
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2551369-2551412-2551417--2390-2553914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

325 herrscht, der sich aus ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Bereichen des religiös-kulturellen Lebens ergab. Wir sahen schon, daß im Denken der Aufklärungsepoche höhere Einheiten gesellschaftlicher Kategorien eingeführt wurden, in denen entsprechend der gesellschaftlichen Lage Juden und Christen als gleichgestellte Glieder dieser Einheit nebeneinander standen. Die Alternative: Christ oder Jude wurde durch den neutralen Begriff des Menschen ausgeglichen. Der Begriff des Menschen, der früher erst durch eine nähere Bestimmung eine über die artbestimmende Bedeutung hinausgehende Sinngebung erfuhr, — man denke etwa an den lutherischen Begriff vom Christenmenschen — erhält jetzt aus sich heraus einen begriff liehen Inhalt, der dem Träger dieses Namens Verpflichtungen auf erlegt und ihm den Anspruch auf Berechtigungen verleiht. Es entstehen die abstrakteil Begriffsbildungen wie Menschlichkeit und Menschheit, welche die ethische bezw. politische Sinngebung des Begriffes: Mensch zum Ausdruck bringen. Es wurde schon oben zu zeigen versucht, welche gesellschaftliche Voraussetzungen die Aufnahme dieser Lehre vom Menschen begünstigten. Ideengeschichtlich gesehen, war diese Lehre nicht neu, sie war schon, wie Jellinek es gezeigt hat, bei den Alten herausgebildet und auch im Mittelalter gelehrt worden.146) Daß sie jetzt eine besondere Vertiefung erfuhr Und vor allen Dingen, daß sie gesellschaftsbildend wirksam wurde, hatte die schon erwähnten sozialgeschichtlichen Veränderungen zur Voraussetzung. Die Gleichzeitigkeit der sozialgeschichtlichen Veränderungen und der Aufnahme der ״neuen“ Lehre vom Mensehen, die den Juden gegenüber zu einer neuen gesellschaftlichen und geistigen Haltung führte, ist im einzelnen nachzuweisen. Denn die oben gekennzeichnete Begegnungsform zwischen Juden und Nichtjuden auf der gesellschaftlichen Grundlage der Geisteselite war vorerst nur in einem engen Kreise der deutschen Gesell- Schaft herausgebildet worden. Es hat einer längeren Entwicklung bedurft, bis diese neue Begegnungsform eine größere Verbreitung fand. Ebenso war die Anerkennung des durch ״Nathan“ verkündeten menschlichen Ideals, das sich ideologisch jenseits der religiösen Gegensätze gestellt hatte, auf einen kleinen Kreis von Menschen beschränkt. (Wird fortgesetzt.) 146) G. Jellinek: ״Die Erklärung dier Menschen- und Bürgerrechte“ 1919.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.