Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 10-12 (Juli 1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 320 (sequence 66)
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520 lieh anerkennt. Ohne die Anerkennung gemeinsamer Wertungen kann es keinen Willen zum Repräsentieren geben, der dem Geltendmachen der Ehre vorausgehen muß. Durch die bewußt־ seinsmäßige Zugehörigkeit einzelner Juden zu einer nicht]üdisehen Gesellschaft war eine Grundlage gemeinsamer Wertungen geschaffen worden, auf der die Bestrebung nach Repräsentation möglich und das Geltendmachen der Ehre notwendig geworden war. In der Tat wurden von den aufgeklärten Juden die ihnen gemachten Vorwürfe nicht mehr gleichgültig hingenommen. Sie fühlten sich durch sie in ihrer Ehre gekränkt. So ist der junge Mendelssohn über eine Rezension des Schauspiels: ״Die Juden“ von Lessing, die Michaelis in den ״Göttingischen gelehrten Anzeigen“ veröffentlicht hatte, leidenschaftlich empört. Michaelis behauptete, daß die im Schauspiel Lessings gezeichnete Gestalt des Juden, der bekanntlich ein Ausbund von Tugendhaftigkeit und Menschlichkeit aufklärerischer Haltung darstellt, eine dich־ terische Erfindung sei. In der Wirklichkeit sei unter den Juden eine solche Gestalt nicht aufzufinden. ״Die Gedanken machen mich sehamroth.“, schreibt Mendelssohn an Gumpertz. ״Welche Erniedrigung für unsere bedrängte Nation! Welche übertriebene Verachtung! Das gemeine Volk der Christen hat uns von jeher als den Auswurf der Natur, als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft angesehen. Allein von gelehrten Leuten erwarte ich jederzeit eine billigere Beurteilung.“ 135) Es ist für Mendelssohn unerträglich, daß sich ״gelehrte Leute“, mit denen er sich durch ein gemeinsames geistiges Streben verbunden fühlt, mit dem überkommenen Urteil über die Juden gleichsetzen. ״Das gemeine Volk der Christen“, mit dem er selbstverständ־ lieh nichts gemein haben will, mag denken, was es will. Doch die Meinung der ״Gebildeten“ wird beachtet und löst daher seinen Widerspruch aus. Die Zugehörigkeit zur Geisteselite und die damit verbundene Anerkennung ihres Menschen- und Mensch־ liehkeitsideals macht es ihm unmöglich, ihre Vorwürfe gegen die Juden zu übersehen. Dies gilt besonders dann, wenn sich die Vorwürfe unmittel־ bar aus diesem neu gesetzten Menschlichkeitsideal ergeben. Denn das Aufkommen der neuen Betrachtungsweise der ״Judenfrage“ hatte die gegen die Juden gerichteten Vorwürfe nicht nur wirk־ samer gemacht, sondern auch inhaltlich verändert. Mendelssohn 135) Schriften, B& III. S. 477.