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Nahalat tsevi · 1936-07-01 · Heft 10-12 (Juli 1936) · p. Seite 276

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Journal
Nahalat tsevi
Volume
VI (5696) 1935/36
Issue
Heft 10-12 (Juli 1936)
Date
1936-07-01
Page
Seite 276 (sequence 22)
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276 wir uns nicht; als Samfon Raphael Hirfch f. A. feine Erziehungshätten fchuf und fie mit einem lapidaren Geleitwort er öffnete, da galt es, den durch taufend Verlockungen der jüdifchen Kultur entfremdeten Geilt wiederzugewinnen; für das Gemüt forgte in den meiften Fällen die Häuslichkeit und die Teilnahme am fynagogalen Leben völlig ausreichend. Das äußere Leben war damals voll Hoffnung, heute ift es den äußeren Dingen nach voll Entfagung. Heute gilt es diefer Erfcheinung gegenüber ein Gegengewicht im Innenleben zu erfteilen und zu gewinnen. Ein lieberer, nie verfagender Quell der inneren Freude ift das Schöpferifche. In Profanfächern ift es die Mathematik mit ihrem Ausflug in das Gebiet des Transzendentalen, in den Fächern des fogenannten Religionsunlerrichtes der Talmud, das realfte und, als Kommentar zur Bibel angefprochen, gleichzeitig die Bahn zum Metaphyfifchen. Es gibt unterer Erfahrung nach keine größere Freude für jugendliche Talmudzöglinge, als fie die Partei eines alten Lehrers ergreifen zu laffen und feine Gedankengänge in Zwiefprache mit dem Vertreter der gegenteiligen Meinung aufs neue zu erleben und zu formen. So kann das fcheinbar Nüchternfte, rein Geiftige zu einem Erlebnis des Gemütes werden und unendliche Freuden vermitteln. Will man Leben in die jüdifche Schule bringen, fo muß man fchon etwas fich an das Cheder anlehnen. Wahrhaftig, es mag entfetzlich unmethodifch und unfyftematifch fein, aber noch ift ja eine brauchbare Methodik für die jüdifche Kulturfchule gar nicht gefchaffen, namentlich eine folche nicht, die das Schwergewicht auf Gemüsvertiefung legt. Denn mit der Fabel muß endlich gebrochen werden, daß Talmudforfchung lediglich Geiftesbildung bedeute und erziele All die Heroen des Gemütes find aus den Talmudfchulen hervorgegangen, und unteres Erachtens war es fchon ein Zeichen der Entartung, als man in die Lehrftätten eigene Mußarkurfe einführen mußte. Wobei zu bemerken wäre, daß der Mußar, wie er in den Lehrftätten des Oftens getrieben wird, bei näherem Befehen füglich nichts anderes ift als die halachifch-ethifche Auswertung der agadifchen Stellen des Talmud, als eine Übertragung der Methodik, mit der man fonft an die Erforfchung der halachifchen Stellen herangeht, auf die Agada. Bei der Halacha forfcht man mit den Weifen, bei der Agada, alfo auch bei Mußar erforfcht man die Weifen felbft und findet mit ihnen den Weg zum Sinai zurück. Will man, und das ift ja wohl das Endziel, die Bibel mit den Augen unferer alten Weifen f. A. erfchauen, fo muß man fie kennen lernen, muß man fie erleben.

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