Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 248 (sequence 58)
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24S kann sogar ohne die ersten (die göttlichen) ein nützlicher Welt־ bürger seyn, und durch Wissenschaften und Einsichten Licht und Ordnung allgemein verbreiten; aber selbst mit der fleißigsten Erlernung des Gesetzes, und mit der genauesten Ausübung ihrer Vorschriften, wird man es ohne jene Kenntnisse nie seyn. Derjenige, dem es an geselligen Tugenden fehlt, der sich in allem seinen Thun und Lassen von den übrigen Menschen unterscheidet, den nichts interessiert, was diesen angeht, der nur bloß über spitzfindige Auslegungen des Gesetzes brütet; der muß nothwendig selbst lästig und unnütz und sein Wissen verächtlich werden“.128) Man sieht aus der Begründung im letzten Satze, daß hier das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer außer jüdischen Gesellschaft den Wert und Unwert der Bildung und das Pathos ihrer Forderung bestimmt. Es ist die Bestrebung der jüdischen Aufklärer, die Juden nach außen repräsentationsfähig zu machen. Die Mittel der Re- Präsentation aber werden immer von denjenigen bestimmt, denen gegenüber man repräsentieren will. In diesem Falle ist es die Geisteselite der Aufklärung, der gegenüber man repräsentieren möchte. Für sie gilt aber allein der Geist und das Beteiligtsein an ihm als repräsentabel, und zwar der Geist, wie sie ihn verstand. Daher soll nicht etwa das besondere Jüdische als Eigenwert herausgestellt, sondern gerade das Allgemeine, das ״Menschliehe“ erst aufgenommen und dann repräsentiert werden. Diese Forderung ist nur vom Standpunkt des schon assimilierten Juden sinnvoll, der auch für sich durch seine Zugehörigkeit zur Geisteselite den Wert des außerjüdischen Geistes anerkennt. Vom vorassimilatorischen Judentum, das nach außen auf eine Repräsentation keinen Wert gelegt hatte, mußte die Forderung als ein Versuch angesehen werden, seine gesellschaftliche und geistige Geschlossenheit zu zerschlagen und an die Stelle der in ihm geltenden Wertungen andere, fremde zu setzen. In der Tat wurden die Forderungen Wesselys von den Vertretern des ״alten Judentums“ so aufgefaßt und in aller Schärfe abgelehnt. Die Broschüre, in der die Ansichten Wesselys niedergelegt waren, ist im Jahre 1781 erschienen, veranlaßt durch das Toleranzpatent Josefs II. in Oesterreich. Wessely, der damals in Berlin wohnte, wollte durch sein Sendschreiben die Juden in Oesterreich zur willigen Annahme des kaiserlichen Edikts, das 128) Ebenda, S. 6.