Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 246 (sequence 56)
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246 Möglichkeit des Seligwerdens ״der Gerechten der anderen Völker“ offen ließ.124) Wir werden im nächsten Kapitel zu zeigen versuchen, wie sehr die Trennung zwischen Denken und Handeln im politischen Denken der deutschen Aufklärung lebendig war. Obwohl die Gewalt des Staates anerkannt worden war, hatte man sich theoretisch die größtmöglichen Freiheiten gestattet. Es blieb aber eine Selbstverständlichkeit, daß die Gesetze des Staates trotz einer ihnen widersprechenden Ueb erzeugung gehalten werden müßten.125) Die Vermutung liegt sehr nahe, daß Mendelssohn, indem er die von der Anerkennung ihrer theoretischen Grundlagen unabhängige Geltung des jüdischen Religionsgesetzes verfocht, durch diese gleichsam in der Luft liegenden ,,Idee“ von der Trennung zwischen Theorie und Praxis beeinflußt wurde. Aber die Voraussetzungen dieser seiner Ideologie ergeben sich schon allein aus seinem oben beschriebenen Verhältnis, bzw. seiner Zugehörigkeit zur Aufklärungselite. Da die Gemeinsamkeiten der in der Elite sich findenden Vereinzelten verschiedener Stände und Konfessionen nur in dem Anteilhaben an einem ״Geiste“ gesehen werden konnten, war es schlechterdings unmöglich, für sich besondere Erkenntnisse in der Form von geoffenbarten Wahrheiten in Anspruch zu nehmen. Wohl aber hatte die Aufklärungselite auf der Ebene der praktischen Verhaltungsweise eine Unterschiedlichkeit ihrer Glieder gelten lassen und gerade durch die Gleichheit im Anteilhaben am Geiste diese Verschiedenheiten auszugleichen versucht. Eine Vereinheitlichung der Lebensformen wurde durch die Aufklärungselite nicht erstrebt. Das hätte eine völlige Herauslösung der Einzelnen aus ihren Ständen bedeutet. Die Einzelnen sollten in ihren Ständen und Konfessionen verbleiben. Die Verschiedenheit, die sich daraus ergab, erschien als belanglos angesichts der Gleichheit im geistigen Streben. So wurde die Zugehörigkeit Mendelssohns zu einer außerjüdischen Gesellschaft auch für sein Denken über das Judentum bestimmend. Hierin offenbart sich die Funktion jeder Assimilationsideologie: Sie soll die gleichzeitige Zugehörigkeit zum Judentum und zu einer außerjüdischen Gesellschaft rechtfertigen, bzw. die Lehren und Glaubensinhalte der beiden Gemein- 124) Schriften, ß& III, S. 43. 125) Vgl. den Aufsatz von Kant: ״Was ist Aufklärung?‘4