Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 245 (sequence 55)
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245 kens kenne und auch keinen besonderen Lehrgehalt zu verkünden habe. Gegen diese letzte Behauptung richtet sich die oben erwähnte Kritik Hermann Cohens120), der, wie alle anderen jüdisch-liberalen Ideologen, das Wesen des Judentums in einem eigentümlich jüdischen Lehrgehalt erblickt. Es kann liier auf die dieser Frage zu Grunde liegende Problematik nicht eingegangen werden. Fest steht, daß die Menddlssohn’sche Auffassung vom Judentum eine neue ideologische Grundlegung darstellt, die der zu seiner Zeit geläufigen iVuffassung vom Judentum widerspricht. Es ist zujletzt von Max Wiener der Frage nachgegangen worden, wie diese Anschauung, die dem Judentum gewiß nicht gerecht wird, auf dem Boden eines noch sich im Vollbesitze der Ueberlieferung geglaubten Judentums entstehen konnte.121) Mit Recht weist Wiener darauf hin, daß es im Judentum nie zu einer allgemein anerkannten Formulierung seiner Dogmen gekommen ist. Die Frage danach, was man ״unbedingt“ glauben muß, blieb offen und dies gab einer, innerhalb gewisser Grenzen gehaltenen Dialektik Raum. Die Grenzen waren allerdings durch die ganze geistige Substanz der Ueberlieferung, in der man aufging, gezogen. Mendelssohn aber unterlief das Mißverständnis, ״daß das Judentum hinlänglich als geoffenbartes Gesetz charakterisiert sei, und daß sein theoretischer Unterbau mit der allgemeinen Vernunftreligion Zusammenfalle“.122) So wichtig diese Einsicht Wieners auch ist, sie erklärt nur die psychologische Möglichkeit des Irrtums. Es muß nun nach den Gründen gefragt werden, die diesen möglichen Irrtum wirklieh aufkommen ließen. Der gelegentliche Hinweis Wieners auf den Aufklärungsuniversalismus, ״für welchen die Begrenzung eines allein glückselig machenden Glaubens auf einen stammlich beschränkten Ausschnitt der Menschheit unerträglich“ 123) gewesen sei, enthält keine zulängliche Erklärung dafür. Denn einmal ist zwischen einem allein glückselig-machenden Glauben und völliger Freigabe des Denkens ein weiter Weg möglicher Ideologien. Zum zweiten aber hat Mendelssohn durch das Geltenlassen einer allein an das Judentum ergangenen Offenbarung doch eine Vorzugsstellung des Judentums behauptet, wenn auch diese Offenbarung, wie das Mendelssohn besonders betonte, die 120) Hermann Cohen, a. a. O. S. 22. 121) Max Wiener, a. a. O. S. 21. 122) Ebenda, a. a. O. S. 21. 123) Wi<*ner, a. a. O. S. 13.