Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 244 (sequence 54)
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vorassimilatorischen Epoche, denn sie lassen die nach außen hin repräsentierende Gestalt ihrer Persönlichkeit nicht mehr vom Judentum bestimmen. Ihre tatsächliche oder bewußtseinsmäßige Zugehörigkeit zur Geisteselite erfordert die Herausstellung der Gemeinsamkeiten mit ihrer Umwelt, die sich einerseits durch das Beteiligtsein am Geiste der Elite, andererseits durch das Streben nach dem Ideal des neuen Menschentums begründet. Diese Haitung ist nicht mit der Haltung gewisser bewußt assimilatorischer Kreise des 19. und 20. Jahrhunderts zu verwechseln, die ihre jüdische Herkunft durch ein Stillschweigen über sie zu ver- Schleiern suchten. Dies war nicht die Absicht Mendelssohns mid seiner Generation, konnte es auch garnicht sein, denn ihr Judesein war schon allein durch ihre rechtliche Sonderstellung und noch vielmehr durch ihre vom Religionsgesetz gestaltete Lebensform einem jeden offenbar. Nur ist das Judesein in der Begegnung mit der Umwelt belanglos geworden, denn die Begegnung ging auf einer neutralen, gesellschaftlich-geistigen Grundlage vor sich — gleich den Gestalten des ״Nathan“, die unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer historischen Religion, die Gemeinsamkeiten ihrer Persönlichkeit entdecken. ״Moses, der Mensch schreibt an Herder, den Menschen, nicht der Jude an den Superintendenten“119), heißt es in einem Briefe Mendelssohns an Herder. Das soll besagen, unser Menschentum eint uns mehr, als uns unser Judentum und Christentum trennen. Mit dem Bekenntnis zu dem allen Menschen gleich entsprechenden Ideal war ein grundlegendes Element zu der Ideologie der Assimilation gegeben. Denn die Zugehörigkeit zu einer außerjüdischen Gesellschaft konnte gutgeheißen und gefordert werden, wenn diese Gesellschaft jenem Ideal diente, das man auch für sich als bindend erachtet hatte. Von dieser mit einer außer-jüdischen Gesellschaft eingegangenen Verbindung her ist u. E. die ideologische Stellung Mendelssohns zum Judentum zu deuten. Mendelssohns Anschauung über das Judentum beruht auf der grundlegenden Behauptung, daß das Judentum nur ein geoffenbartes Gesetz enthalte, aber keine ״Vernunftwahrheiten“, also keine Bindung des Den- 119) Abgedruckt im Anhang bei Kayserling, a. a. O. S. 546. Fast dieselben Worte auch an! Lavater: ״Sie sind ein christlicher Prediger und ich ein Jude! Wa!s thuit dieses? — Wenn wir dem Schafe und dem> Seidenwurme wiedergegeben, was sie uns geliehen haben, so sind wir Beide Menschen•‘‘. Schriften Bd. III, S. 88.