Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 243 (sequence 53)
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243 in Mendelssohn, dem Freunde Leasings, zu suchen.115) Neuerdings wurde diese Ansicht bestritten und darauf hingewiesen, daß ja Mendelssohn sich nicht gleich den Gestalten des ״Nathan“ vom ״Glauben der Väter“ losgelöst, vielmehr seine Bindungen an das Judentum betont hatte.116) Uns kommt es hier nicht auf die Frage nach dem Vorbild des ״Nathan“ an, die den Literaturhistoriker beschäftigen mag. Wir fragen nach dem historischen Tatbestand: Wie weit entsprach die Lebenshaltung Mendelssohns, der repräsentativen jüdischen Gestalt jener Zeit, dem neuen, im ״Nathan“ verkündeten Ideal vom Menschen? Die Frage muß u. E. positiv beantwortet werden. Denn dem neuen Ideal kam es nicht auf die formelle ״Loslösung“ vom ״Glauben der Väter“ an, — das hat auch Lessing niemals gefordert. Wesentlich am neuen Ideal ist, was Dilthey von den Gestalten des ״Nathan“ an einer anderen Stelle feststellt: ״Der Wert ihrer Persönlichkeit hat nichts zu tun mit dem Wert der historischen Religion, welcher sie äußerlich angehören.“ 117) Das neue Ideal fordert nicht die Loslösung von den historischen Religionen, aber es setzt ein Losgelöstsein von ihrer alten lebengestaltenden und persönlichkeitformenden Kraft voraus. Nun ließe sich allerdings nachweisen, daß die Persönlichkeit Mendelssohns weitgehend durch seine jüdische Erziehung, durch sein jüdisches Wissen geformt wurde. Es ist zuletzt von Ludwig Feuchtwanger auf die jüdische Note der geistigen Gestalt von Moses Mendelssohn und seine Verwurzelung im Judentum hingewiesen worden.118) Dieser Verwurzelung Mendelssohns im Judentum steht aber eine andere Tatsache gegenüber, die dazu geeignet ist, sie zu neutralisieren: er trat der außerjüdischen Gesellschaft nicht in seiner Eigenschaft als Jude, sondern als Philosoph, Schriftsteller oder bloß als Mensch gegenüber. Dies ist die grundsätzliche neue Haltung der Juden der Aufklärung im Gegensatz zur jüdischen Haltung der 115) Siehe Kayserling, a. a. O. S. 330 ff. Diese Auffassung ist geradezu ei!n Dogma der liberal-jüdischen Geschichtsschreibung geworden!. Siehe folg. Note. 116) Emst Simon!: ״Lessing und die jüdische Geschichte“. ״Jüdische Rundschau“ 1929, Nr. 6. 117) Dilthey, a. a. O. S. 137. 118) Ludwig Feuchtwanger: ״Das Bild Moses Mendelssohns bei seinen Gegnern bis zum Tode Hegels“. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland 1929. S. 213ff. Vgl. auch den eben angeführten Art. von Ernst Simon. Unserer Ansicht nach ist die Zeichnung Feuchtwangers doch zu einseitig.