Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 241 (sequence 51)
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241 das ohne weiteres klar. Selbst wenn man den Begriff der Menschheit nicht, wie Herder, für eine sinnlose Konstruktion erklärt,171) ist es klar, daß von einer persönlichen Bindung des Einzelnen an die ״Menschheit“ nicht im gleichen Sinne die Rede sein konnte, wie von Bindungen des Einzelnen an eine Familie, einen Stand, eine Nation oder sonstige erfahrbare Formen menschlicher Vergesellschaftung. Einen ״Sinn“ erhält der Begriff der Menschheit von seiner Funktion her im gesellschaftsbezogenen Denken einer Gruppe, die mit der bestehenden abgestuften Gesellschaftsordnung nicht ״zufrieden“ ist und ihr ein polares Gegenbild der Einheit und Gleichheit entgegenhält. Die wirkliehe Einordnung geschah nicht in die theoretisch gesetzte oberste Kategorie der gesellschaftlichen Einheiten, sondern in die praktisch oder bewußtseinsmäßig erfahrbare Einheit der Geisteselite. Die Geisteselite hat mit dem Begriff der Menschheit soviel gemein, daß auch in ihr die Menschen als Menschen abgelöst von ihrer ständischen Vergesellschaftung genommen und gewertet werden. Sie stellt gewissermaßen eine Menschheit in Miniatur dar. Durch die Anerkennung des Begriffs der Menschheit wird der Konstituierungsgrundsatz der Geisteselite zum allgemein gültigen obersten Grundsatz menschlicher Vergesellschaftung erhoben. Die Geisteselite als Verwirklichung einer allgemein gültigen Forderung erhält dadurch eine an metaphysische Sanktionierung grenzende Beglaubigung, die ihre gesellschaftliche Wirklichkeit und ihren Anspruch auf gesellschaftliche Geltung begründete. Aehnliche Funktionen wie der Begriff der Menschheit haben die Begriffe Staat und bürgerliche Gesellschaft im Denken der Aufklärungselite. Der theoretische Begriff des Staates, von dem die Aufklärer die Ueber Windung der ständischen Gliederung und somit auch die Einbeziehung der Juden in dessen Verband erwartet haben, war nicht mit dem bestehenden Staat des aufgeklärten Absolutismus gleichzusetzen. Sie hatten sich zwar gegen den bestehenden Staat nicht aufgelehnt, im Gegenteil, sie erwarteten von ihm die erwünschten Reformen.112) Daher kam es, daß die Aufklärer dem bestehenden Staat dienen konnten, ohne sich in allem zu dessen Grundsätzen zu bekennen. Aber der so theoretisch zurechtgemachte Staatsbegriff war eben ein anderer 1:L1) Angeführt bei Dilthey: ״Einleitung in die Geistes Wissenschaften“ S. 103. 112) Mein ecke: ״Die Idee der Staat9raisotn“ S. 342. 1 1