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Nahalat tsevi · 1936-04-01 · Heft 7-9 (April 1936) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
VI (5696) 1935/36
Issue
Heft 7-9 (April 1936)
Date
1936-04-01
Page
Seite 203 (sequence 13)
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203 Die Offenbarung der Thora ist eine Erfahrungstatsache. Weil du ein Sehender bist, bist du ein Wissender geworden. Was hat nun zu geschehen, um diese Grundtatsache der jüdisehen Gedankenwelt in das wirkliche Leben einzuführen, damit sie dort zu lebendiger, Leben weckender und Leben gestaltender Fruchtbarkeit gedeihe? Hier ist der Punkt, wo das landesübliche Denken eine völlige Umstellung seines geistigen Lebens vollziehen muß, um dem talmudischen Denken überhaupt nur folgen zu können. Die Philosophen aller Zeiten und Völker begnügen sich damit, ihre Ideen zu verkünden. Das Schicksal ihrer Ideen überlassen sie dem Ungefähr. Sie machen es wie Mirjam, die aus der Ferne ab wartet לדעת מה יעשה לו was aus dem Kinde wird, das sie ausgesetzt hat. Anders verfährt die Philosophie des Talmuds. In der geistigen Werkstatt der חכמים verwandeln sich die Ideen in הלכות , sie reichen uns der Gottheit lebendiges Kleid, damit es unsere Glieder schützend und wärmend umgebe. Und wie noch im letzten Ausläufer des איסור הוצאה , des Verbotes des Tragens am Schabbos die Idee des Gottessabbaths nachwirkt, so mag uns auch die Ahnung nicht trügen, wenn wir in der Halacha vom Blinden leise Spuren jenes Gedankens aller Gedanken zu finden glauben: Weil du ein Sehender bist, bist du ein Wisssender geworden. Unsere Vermutungen mögen uns trügen oder nicht. Eines steht fest: die Gedankenwelt der Halacha ist die Hauptquelle der jüdischen Philosophie. Man bekommt ein ganz schiefes Bild vom Talmud und von der Eigenart seines Denkens, wenn man den philosophischen Elementen des Talmuds nur in seinem agadischen Teile nachspürt. Wie hat man gerade in den letzten 100 Jahren auf Kosten der Halacha die Agada auf den Thron erhoben! Mit welch geflissentlicher Einseitigkeit pflegt der jüdisehe Modernismus die ״phantastische Märchenwelt“ der Hagada poetisch auszuschmücken! Was hat er uns nicht schon alles von der ״seligen Geheimwelt“ der Hagada vorgeschwärmt: ״Schöne alte Sagen, Engelmärchen und Legenden, Stille Märtyrerhistorien, auch Hyperbeln, gar possierlich, Alles aber glaubenskräftig, glaubensglühend — o das glänzt Und quillt und sprießt so überschwänglich.“ Ich stehe nicht an, diese Gegenüberstellung des ״Blumengartens der Hagada“ zur ״dürren Oede der Halacha“ in ihrem modernen Sinne als einen gedankenlosen Unfug zu bezeichnen.

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