Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 7-9 (April 1936)
- Date
- 1936-04-01
- Page
- Seite 199 (sequence 9)
- Belongs to
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vom Blinden springt aber, wie wir gesehen haben, von ihrem ursprünglichen Gebiete der משפטים sofort auf das Gebiet der מצות ר ח לן י מ über: ein Sprung, den die Juristen aller Volker und Zeiten als einen Salto mortale bezeichnen würden. Eher könnte man dieses Denken noch als philosophisch oder scholastisch bezeichnen. Denn ist es die Aufgabe der Philosophie, sich über die allgemeinen Fragen der Welterkenntnis und Lebensansicht klar zu werden, so wird wohl jeder von der Halacha vom Blinden den Eindruck gewinnen, daß ihr eine ganz bestimmte Welterkenntnis und Lebensansicht zu Grunde liegt, die man aber nach heutigem Sprachgebrauch wohl kaum als eine wissenschaftliche bezeichnen kann, weil ihr das Merkmal aller wissenschaftlichen Philosophie: die Autonomie der menschliehen Vernunft völlig abgeht. Denn man kann doch wohl kaum die Selbstherrlichkeit der menschlichen Vernunft radikaler verneinen, als wenn man, wie wir sahen, nach talmudisehern Vorbild alle Sphären des Lebens als göttliche Rechtssphären koordiniert. Wohl hat auch die mittelalterliche Philosophie der christliehen Kirche mit ihrer religiösen Grundstimmung, mit ihrer Scholastik imd Mystik manche Züge aufzuweisen, die an das talmudische Denken erinnern, es fehlt ihr aber gerade das wichtigste Merkmal, was die Eigenart des talmudisehen Denkens ausmacht: das Merkmal der Selbständigkeit ihrer Abkunft, das Merkmal der Originalität. Die christliche Philosophie des Mittelalters hatte die geschichtliche Mission, den Bildungsstoff der antiken Zivilisation gegen den Ansturm der Völkerwanderung zu verteidigen und in die späteren Jahrhunderte hinüber zuretten. Sie war darum in dem Begriffssystem der griechischen und heilenistiseh-römischen Philosophie völlig eingeschlossen. Anders verhält es sich mit der Philosophie des Talmuds. Hier haben wir es mit einer durchaus originalen und selbständigen Gedankenweit zu tun, die mit jener antiken Kultur nicht nur nichts zu tun haben will, sondern sich berufen fühlt, diese Kultur als die ihres Erbfeindes Edom zu bekämpfen und zu überwinden. Wenn aber das talmudische Denken in keine der uns bekannten Denkarten restlos eingeordnet werden kann, von welcher Art ist es denn? Wie das jüdische Volk, so ist auch das jüdische Buch — der Talmud — ein Geschöpf sui generis, das jedem Vergleich mit irgend einem literarischen Erzeugnis widerstrebt. Denn es läßt sich schlechterdings auf keiner Entwicklungsstufe des menschlichen Denkens eine geistige Lage denken, aus der