Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 36)
- Belongs to
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146 der seelische Imponderabilien gegen logisch einwandfreie Meinungen und Forderungen sich auflehnen können. Der Westen muß tolerant sein gegen den Osten, aber auch der Osten muß tolerant sein gegen den Westen. Denn auch im Westen gibt es, so gut wie im Osten, Imponderabilien, die gefühlsmäßig erschaut und sorgsam geschont sein wollen. Es lassen sich die Verschiedenheiten der Wege, die man im Osten und Westen ging, um vor 70 Jahren dem von außen her eindringenden Ansturm unjüdischer Geistigkeit entgegenzutreten, aus der Verschiedenheit des Milieus wohl verstehen. Bei der Rabbinerversammlung in Mihalowitz glaubte man noch die dort damals vorhandene Abgeschlossenheit von der Welt bewahren zu können und war der Meinung, wenn man beispielsweise die Formen, in denen der Abfall an die jüdische Jugend herantrat, nämlich die deutsche Sprache etc. perhorrescierte, auch mit Erfolg diese Jugend von dem Inhalt dessen, was ihnen in dieser Sprache geboten wurde, fernhalten zu können. Rabbiner Hirsch aber, der bereits in einer Zeit dem jüdischen Volke geschenkt wurde, da schon die meisten Dämme niedergerissen waren und jede Absperrung völlig vergehlieh gewesen wäre, Rabbiner Hirsch konnte sich seine Direktiven nicht mehr von Mihalowitz holen. Wohl hat er niemals ein polemisches Wort gegen diese Auffassung gesprochen und geschrieben, aber für den weiten Kreis derer, die in ihm ihren geistigen Führer sahen, hat er es für richtig gehalten, vor den Gefahren der Welt nicht zu flüchten, vielmehr den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Er hat die Schäden seiner Zeit und die Mängel der damaligen Judenheit so gut gekannt wie irgend einer. Er konnte aber diese Schäden und Mängel nicht mit einer Heilmethode tilgen, die einer fremden Diagnose und einer nach ganz anderen Regeln arbeitenden Therapie entstammte. Die Eigengesetzlichkeit der beiden jüdischen Kulturkreise wird gegenseitig vielfach noch immer nicht anerkannt. Man glaubt dem Osten mit Gönnermiene einiges von den Errungenschäften des Westens bringen zu müssen, ohne daran zu denken, daß hiermit — so wie schon Rabbi Israel Salant es einmal ausdrückte — ein neuer Bau aufgerichtet würde, bevor der alte durch der Zeiten Wucht niedergerissen war. Man glaubt wiederum andererseits dem Westen außerordentliche Formen chassidischer Lebenshaltung aufoktroyieren zu sollen, ohne zu bedenken, daß die zwangsweise geschichtliche Entwicklung des Lebensstandards der westlichen Judenheit geradezu als einzige Erhaltungsmöglichkeit den von Rabbiner Hirsch vorgezeichneten Weg einschlagen muß. —