Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 12)
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122 Judentum schlechthin, des Milieus und der Autorität entkleidet, zu konfrontieren, es in Natur und Geschichte zurückzuführen und damit dem großen Leben zuzuwenden, um aus dem Leben selbst, den natürlichen Seelenkräften des jüdischen Menschen, die Klammern zu holen, die den Menschengeist schlechthin, Erscheinungsform der unzerstörbaren göttlichen Seele, mit dem Thorajudentum schlechthin, Offenbarung des Schöpfers des Menschengeistes an diesen Menschengeist, für immer verbinden sollen. ״Sich selbst begreifendes Judentum“: das ist ein Judentum, das sich jederzeit darüber auszuweisen vermag, was es in Natur und Geschichte und damit im realen Leben bedeutet, das seine göttliche Heilsbotschaft an Natur und Geschichte und damit das reale Leben jederzeit kennt, das sich nicht von Natur und Geschichte und damit vom realen Leben trennt, vielmehr sich als Vollender von Natur und Geschichte und damit als höchsten Begleiter des realen Lebens erkennt und vermöge dieser Erkenntnis des tätigen und freudigen Gehorsams seiner Söhne und Töchter allzeit gewiß sein kann. ״Sich selbst begreifendes Judentum“: das ist ein Judentum, das sich mitten in die ewig wechselnden Erscheinungen der Natur und mitten in die ewig wechselnden Zustände der Geschichte hineinstellt, sie in höchster Lebensbejahung mit wärmster Teilnähme verfolgt, beileibe nicht aus ihr die Wahrheit Gottes schöpft, aber an sie in ewiger Frische der Jugend die Wahrheit Gottes richtet, an ihnen und mit ihnen der Wahrheit Gottes bewußt und vermöge dieser das einzig mögliche Zeugnis ablegenden Bewährung, vermöge der Heiligung des göttlichen Namens durch die Thoratreue jüdischer Menschen-, Gesellschafts- und Volkspersönlichkeit vor den Augen der jüdischen und nichtjüdischen Menschen in Natur und Geschichte ein Band der Treue um seine Söhne?und Töchter schlingt, das nicht auf die Stelzen von Milieu und Autorität gestellt ist, das vielmehr selber Milieu bildet und Autorität errichtet. Groß, übergroß war die Kluft, die die Not der Jahrhunderte zwischen Judentum und Wirklichkeit aufgerissen hatte. Ins Beth- Hamidrosch und in überirdische Welten hatte sich das jüdische Lebensgefühl geflüchtet. Überkam den Ghettojuden nach all den Jahrhunderten zum ersten Male eine Ahnung von der prangenden Schönheit einer Naturlandschaft, beschlich ihn die leise Sehnsucht nach dem Genüsse solcher Schönheit, so mochte er nicht selten wie vor einem sündigen Gefühl erschrecken, ohne daß eine Stimme ihm sagte, daß diese Schönheit der Natur nur ein Teil jener Schönheit, die Menschen selber gestalten können, wenn sie der