Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 7)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2551369-2551412-2551415--2172-2553694- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
11? ganzen letzten Jahrhunderts: fremde Maßstäbe, angelegt an ein wesenhaft fremd gebliebenes Judentum, diktieren die Antwort. — Drei Maßstäbe und drei Antworten: Individuell, sozial und national. Maßstäbe wie Antworten heute so aktuell wie vor hundert Jahren. Benjamin grübelt als Einzelmensch über Sinn und Zweck seines Daseins. Nicht aus dem ihm unbekannten Sinnzusammenhang des Judentums empfängt er die Belehrung, sondern vom Munde Westeuropas. Glück und Selbstvervollkommnung sind ihm die höchsten Güter. Das von ihm nur äußerlich erfaßte Judentum aber scheint ihm seinen Bekennern weder Glück noch Selbstvervollkommnung zu vermitteln. Das ist der Benjamin der Haskala, die letzten Endes ein Aufschrei des von Milieu und Autorität verlassenen Individuums gegen ein wertverkanntes und darum als völlig verstaubt erachtetes Judentum, ein Aufschrei nach natürlichem Menschendasein, nach natürlichen Menschenwerten ist, denen sich freilich nur zu bald die derberen der Sinneslust und der Besitzerlust beigesellen. Unausrottbar lebt im Menschen die Sehnsucht nach Glück. Auch das Streben nach Selbstvervollkommnung ist ja nur eine andere Erscheinungsform der Sehnsucht nach Glück. Milieu und Autorität können freilich, solange sie ungebrochen sind, selber Glück verleihen. Schwinden sie aber, so kann ein Judentum, das vorwiegend ihnen die Glücksspende entlieh, den Hunger des darbenden Menschenkindes nicht stillen. Es hat vielleicht noch keine Zeit gegeben, in der Menschen so sehr von dem Hunger nach Glück erfüllt waren als gerade die deutschen Juden in der Gegenwart. Je mehr ihnen das Glück entschwunden zu sein scheint, umso sehnsüchtiger bohrt sich ihr Blick in die Vergangenheit, die ihnen glücklicher deucht, als sie in Wahrheit wohl je gewesen ist. Sind die 19״ Briefe“ nicht auch nach hundert Jahren aktuell? — Benjamin grübelt als Gemeinschaftsmensch über das gesellschaftliche Dasein der Juden im Galuth. Ihre Isolierung, vom Milieu nicht mehr verschleiert, ist ihm unerträglich. Das überlieferte Judentum aber ist ihm ein unüberwindliches Hemmnis auf dem Wege der Emanzipation, die verantwortliche Ursache für eine soziale Position, die in ihrer qualvollen Unhaltbarkeit schon vor zwei Jahrtausenden hätte durchschaut werden müssen. Das ist der Benjamin des liberalen Judentums, der Benjamin