Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 5)
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115 I ״Denken, begreifen, mit Geist erfassen zu wollen, was man achten 8011“, Torheit wäre es, würde man hier etwa Geist mit Eationalismus verwechseln. Was die 19״ Briefe“ diesem Geist zu bieten haben, ist das genaue Gegenteil dessen, was der Rationalismus fordert. Aber dieser Geist räumt dem Gestern nicht schlankweg die Herrschaft über das Heute und das Morgen ein, aber dieser Geist kündigt der Gewohnheit den Gehorsam, sieht im Staub der Jahrhunderte, und wäre er noch so ehrwürdig, nur eben — Staub, dieser Geist ist nur bereit, die Autorität zu ehren, wenn sie achtungswürdig, dem Milieu sich einzufügen, wenn es Zukunftgerichtet ist: es ist ein Geist, der zu gewinnen ist, der aber auch gewonnen werden muß. Kind eines solchen Geistes ist Beujamin, der Verfasser des ersten Briefes, der Adressat der 18 folgenden. Dieser Benjamin ist keineswegs nur deutscher Jude, keineswegs nur Jude der Zeit vor hundert Jahren. Unverwüstliche Lebenskraft wohnt ihm inne, und in aller Herren Länder findet er sich. Die 19״ Briefe“ sind kein Buch für Deutschlands Juden allein*, in Benjamin ist ganz Jisroel angeredet. Benjamin ist der Ahnherr der liberalen Juden Deutschlands wie auch der orthodoxen Juden Deutschlands, er ist der Ahnherr der Männer der Haskala des Ostens wie auch der wenigen Männer des Ostens, die den Kampf mit der Haskala auf deren eignem Boden aufzunehraen verstanden und wagten, er ist der Ahnherr der jüdischen Assimilanten wie der jüdischen Zionisten, der Ahnherr der Agudisten wie namentlich der agudistischen — Arbeiter. Sie alle, alle haben mit diesem Benjamin eines gemein: daß sie irgend einmal, zu irgend einer Stunde, in zitternder Einsamkeit standen, von der trauten Amme der Gewohnheit verlassen, nimmer umhegt vom trauten Reich des Milieus, nimmer getragen vom starken Arm der Autorität, und daß sich ihnen klopfenden Herzens und bebender Lippe die Frage aller Fragen entwand: ״Was bin ich denn als Jude? was ist Judentum?“ Und wie all die Ungezählten, die im vergangenen Jahrhundert also fragten und im kommenden Jahrhundert also fragen werden, Bein sind vom Beine Benjamins und Fleisch von seinem Fleische, also hat den Antwortgebern des vergangenen wie des kommenden Jahrhunderts Naftali — Rabb. Hirsch — in dermaßen exemplarischer Art das Tor zur Wahrheit aufgebrochen, das Ziel der Wahrheitsuche gewiesen und vor allem die Methode der Wahrheitforschung gereicht, daß nicht einer von ihnen als Künder der Wahrheit in Israel aufgeleuchtet ist und in Israel aufleuchten wird, der nicht bewußt