Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
- Belongs to
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114 Die »19 Briefe“ leiteten in voller Bewußtheit des Verfassers für das gesetzestreue Judentum Deutschlands und der ganzen Welt eine neue Zeit ein. Diese Zeit — nennen wir sie die Zeit der sozialen Emanzipation — liegt heute in gewissem Sinne abge schlossen hinter uns. Es würde der Größe Rabbiner Hirschs keinen Abbruch tun, käme man zu der Feststellung, daß die 19״ Briefe“ mit der Zeit, die sie eröffheten, selber in die Vergangenheit eingegangen sind und für uns die Sprache unmittelbarer Wirkung verloren haben. Ob dies der Fall ist, sei heute, an seinem Gedachtnistag, gewissenhaft, ehrlich und offen nachgeprüft. in. ״Es wird anders werden in Jißroel; dazu führt unabweisbar unsere Zeit“. Seine eigne Zeit also sah Rabb. Hirsch immanenter Kräfte trächtig, die zu etwas anderem, zu etwas Neuem drängten. Sind diese Kräfte auch heute noch wirksam, hat Rabb. Hirsch sich geirrt, wenn er die Urenkel bereits im Besitz der Resultante dieser Kräfte hoffte, so sind die 19״ Briefe“ auch heute noch so aktuell wie je. Und stehen auch die Urenkel da, wo einst die Urgroßeltern gestanden: anders stehen sie da, reifer, hellsichtiger, bereichert um die Erfahrung eines Jahrhunderts. Und vielleicht sind sie erst imstande, die unerhörte Bedeutung des von Rabb. Hirsch mit den 19״ Briefen“ gegebenen Anstoßes richtig zu würdigen, vollauf zu begreifen. ״Es wird anders werden in Jißroel“: Was ist dieses Andere, zu dem hier unabweisbar die Kräfte der Zeit drängen? Was ist dieses ״sich selbst begreifende Judentum“, das dem Zeitenschoß sich entwinden soll? Und vor allem: was sind diese Kräfte der Zeit, die da treiben und stoßen und nicht rasten, bis sich das Andere ans Licht und ans Leben gerungen? Diese Kräfte der Zeit, sie sind die Ursache alles Abfalles und zugleich die Bürgschaft der kommenden Genesung. Sie äußern sich in ihrem unerbittlichen Streben: ״denken, begreifen, mit Geist erfassen zu wollen, was man achten soll“. Dieser Satz der 19״ Briefe“ enthüllt mit genialer Klarheit das Geheimnis des neuen Menschentyps, der mit der großen französischen Revolution emporgekommen ist, jenes Menschentypus, dem wir Heutigen auch angehören und der seine Siegerlaufbahn in immer noch wachsender Unäufhaltsamkeit bis ins Herz des Ostjudentums erstreckt und ihm Jahr für Jahr ungezählte Seelen entfremdet und entreißt,