Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- – (sequence 3)
- Belongs to
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Hundert Jahre 19״ Briefe״.** Von Dr. Isaac Breuer. I. ״Es wird anders werden in Jißroel; dazu führt unabweisbar unsere Zeit. — Sehen Sie sie nicht so düster an, mein Freund; — sie ist ängstlich wie die Kreißensstunde einer Grebärerin. Aber besser diese Angst in dem Hause einer Gebärerin als das angst-, aber auch freudeuud hoffnungslose Haus der Unfruchtbarem — Mag immerhin diese Zeit des Kreißens unser, unserer Kinder, wenn Sie wollen, unserer Enkel Leben noch überdauern; 80 werden die Urenkel sich freuen des sich an’s Licht und an’s Leben gerungenen Kindes; sein Name ist: sich selbst begreifendes Judentum!u Genau hundert Jahre sind verstrichen, seit ]Rabbiner Hirsch diese Sätze seiner 19 Briefe in die jüdische Welt gerufen hat. Die angstvolle Zeit des Kreißens hat seiner Zeitgenossen, ihrer Kinder und ihrer Enkel Leben überdauert. Heute spreche ich bereits zu den Urenkeln. Freuen sich die Urenkel des Kindes, das sich ans Licht und ans Leben gerungen hat? Wo ist das Kind, das den Namen trägt: Sich selbst begreifendes Judentum? Noch ist es nicht anders geworden in Jißroel. Noch ist die Kreißensstunde nicht vorbei. Keinen Anlaß zur Freude haben die Urenkel. Zitternd finden sie sich an derselben Stelle wieder, an der einst die Urgroßeltern gestanden haben. In ihrer Hand aber wuchtet der — Wanderstab .... II. In diesem Jahre vollendet sich ein Jahrhundert, seit ßabb. Hirsch die 19״ Briefe“ veröffentlicht hat. Wegweisende Bücher haben ihre eigne Geschichte. Sie entstehen unter ganz bestimmten Voraussetzungen. Sie bilden die Reaktion des Verfassers auf seine Zeit. Sie wenden sich daher zunächst auch nur an diese seine eigne Zeit, und wenn sie ihr Genüge getan haben, entsprechen sie vollauf ihrer Bestimmung. Selbst die gewaltigsten Werke können daher, wenn die Zeiten sich wandeln, ihre Sprache verlieren. Sie gehen alsdann restlos in die geschichtlich gewordene Vergangenheit ein, und ihre Wirkungen in der Gegenwart sind nur insoweit aufzunehmen, als die geschichtlich * gewordene Vergangenheit selber in der Gegenwart noch nach wirkt. *) Rede, gehalten anläßlich der von der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft in Frankfurt a. M. veranstalteten Jahrzeit-Gedenkfeier für Rabbiner Hirsch זצ*ל.