Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Belongs to
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ii und die nötigen Mittel dazu besaßen, sie sieh aneignen oder sie ihre Kinder erlernen lassen. Ebenso haben Einzelne, wie schon früher, sich aus wissenschaftlichem Interesse mit den nichtjüdischen Disziplinen beschäftigt. Die Aufnahme der zeitgenössischen Geistigkeit ging auf diesem erlaubten Wege vor sich, ohne auf einen Widerstand zu stoßen. Sie hätte an sich auch noch keine Assimilation bewirken können, wenn es nur darauf angekommen wäre, äußer-jüdisches Wissen bei sich zu verarbeiten und es interessierten jüdischen Kreisen weiter zu vermittein. Doch lag es in der gesellschaftbildenden Ausrichtung der Aufklärungszeit, daß sie ihre Träger aus ihrer ״ständischen Gliederung“ heraushob und sie jenseits dieser Gliederung tatsächlich oder bewußtseinsmäßig miteinander zu einer neuen ״Gemeinschaft“ verband. Das Bestreben der jüdischen Gebildeten beschränkt sich nun nicht mehr auf die Aufnahme von außer jüdischem Wissen, es geht vielmehr dahin, mit den nicht jüdischen Trägern dieses Wissens in persönliche Beziehung zu treten. Die bewußtseinsmäßige Zugehörigkeit zu der Schicht der Aufgeklärten soll in eine gesellschaftliche umgesetzt werden. Das erste Zeugnis soleher Bestrebungen ist der Briefwechsel zwischen Aron Salomon Gumpertz und Gottsched. Gumpertz, Sohn einer der reichsten jüdischen Familien in Berlin, erarbeitete sich neben seinem jüdischen Studium die Grundlagen der allgemeinen Bildung seiner Zeit.96) Um ״von allen Wahrheiten deutliche und vollständige Begriffe zu erlangen“,97) bat er Gottsched brieflich um die Aufnähme in dessen Haus zu Leipzig. Er begründet die Wahl seines Lehrers wie folgt: ״Sie sind es, der den deutschen Musen zum theuersten Beschützer geschaffen. Sie sind es, dessen unschätzbares Verdienst um die Wissenschaften so allgemein gepriesen wird[. Sie sind es, dem wir Deutsche so verschiedene geistreiche Schriften zu danken haben. Ja, Sie sind endlich derjenige Wunderstern, den die gesamte Gelehrtenwelt mit so großer Aufmerksamkeit bewundert.“ 98) Hinter dem Schwulst dieser Sätze steckt eine für den Juden um 1745 vollkommen neue geistige Haltung. Indem nämlich Gumpertz das Oberhaupt der zeit- 96) Kayserling, a. a. O. Das Kapitel über Dr. Guimpertz. Vgl. auch Eschelbacher, a. a. O. 97) Die Briefe sind1 abgedruckt bei Danzel: ״Gottsched und seine Zeit“, S. 333 ff. Vgl. auch Kayserling, a. a. O. S. 15 ff. 98) A. a. O. S. 334.