Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Belongs to
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19 elite nachweisen, die die Assimilation der Juden an sich zwar nicht bewirkt, doch beschleunigt haben mag. Die Aehnlichkeit besteht darin, daß auch im vorassimilatorischen Judentum der ״Geist“ als gesellschaftsbildendes Element eine hervorragende Rolle gespielt hat. Der Aufbau und die Abstufung der Gesell־ Schaft waren auch hier vielfach neben dem Reichtum durch den Grad der Gelehrsamkeit der Individuen bestimmt. Durch hervorragende Kenntnisse war den Begabten eine Aufstiegsmöglichkeit gegeben.89) Wenn dem Juden, der sich an die Geisteselite assimiliert hat, der Inhalt dieses ״Geistes“ neu war, so war ihm die gesellschaftliche Geltung des Geistes vertraut. Dann aber entsprach die neben dem Beruf betriebene Beschäftigung mit geistigen Problemen, die zur Lebenshaltung der Geisteselite gehörte, der vorassimilatorischen Lebensart der Juden, worauf übrigens schon Grätz aufmerksam gemacht hat.90) Auch die Schulung des Denkens an talmudischen Fragen mag zur Assimilation vorbereitend gewirkt haben, da sie an eine Gesell- Schaft erfolgte, die auf das Geschultsein des Denkens einen besonderen Wert legte. Doch sind dies alles nur höchstens beschleunigende Momente der Assimilierung gewesen. Bewirkt hat die Assimilation nicht eine irgendwie geartete Aehnlichkeit zwischen Judentum und Umwelt, sondern die Entstehung einer neuen Begegnungsform, für welche die vorhandenen Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden ihren trennenden Charakter verloren, weil sich Juden und Nichtjuden auf einer gesellschaftlichen Grundlage fanden, die jenseits dieser Unterschiede entstand. Wir hatten die vorassimilatorische Epoche dadurch charakterisieren können, daß hier außer der christlichen und jüdischen Gesellschaft keine andere vorhanden war. Die Menschen gehörten entweder zu der einen oder der anderen Gesellschaft. Mit der Entstehung der Aufklärungselite entstand eine Gesellschaft, die weder christlich noch jüdisch war, zu der man hinzugehören konnte, ohne vor die Frage: Christ oder Jude, überhaupt gestellt worden zu sein. Die Zugehörigkeit zu dieser Ge- Seilschaft war durch die Beteiligung am geistigen Leben der Aufklärung gegeben. Daher bekommt für den Juden von nun ab die Beschäftigung mit ״weltlichem“ Wissen eine völlig andere 89) Vgl Kap. III. 90) Grätz: ״Geschichte der Juden“ Bd. XI, S. 117—118.