Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- VI (5696) 1935/36
- Issue
- Heft 1-3 (Oktober 1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
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IT rung verbreitet wurde. Doch läßt es sich nachweisen, daß die fast allgemeine Anerkennung dieser Lehre sich nicht nur auf ihre ״innere“ Ueberzeugungskraft stützte. Es kam ihr ein soziologischer Umstand zu Hilfe, denn sie entsprach dem sozialen Wollen und Streben ihrer Vertreter. Bei Dohm ist eine Gleichgerichtetheit seines Glaubens an die Gleichheit der Menschen und seines sozialen Strebens klar ersichtlich. Er versucht, dem Unterschiede zwischen Juden und Nicht juden seine grundsätzliche Bedeutung zu nehmen, indem er ihn als einen Fall unter vielen anderen, die sich aus der Beschaffenheit der bürgerlichen Gesellschaft ergeben, hinstellt. ״So trennt sich Adel, Bürger und Bauer; Städter und Bauer; Krieger und Unbewaffneter; Gelehrter und Laye; Künstler und Ungeweihter. So scheidet eine Zunft ein Gewerbe, ein Geschäft im Staat, seine Genossen von allen übrigen ab, und so scheiden sich Christ und Jud’ und Muselmann, die Anhänger des Ali und des Osman, die Verehrer des Pabstes und Luthers, Socius und Calvius, die portugiesischen und die polnischen Hebräer.“ 86) Die Regierung solle diese Unterschiede nach Möglichkeit auszugleichen suchen. Das letzte und wirksamste Mittel zur Ueberwindung der Gegensätze zwischen den einzelnen Ständen und Gruppen sieht Dohm in der Unterstellung aller unter ein gemeinsames höheres Prinzip, nämlich das Prinzip des Staatsbürgertums. ״Sie (die Regierung) erlaube jeder dieser besonderen Verbindüngen ihren Stolz, auch sogar ihre nichtschädlichen Vorurtheile, aber sie bemühe sich, jedem Gliede noch mehr Liebe für den Staat einzuflößen, und sie hat ihre große Absicht erreicht, wenn der Edelmann, der Bauer, der Gelehrte, der Handwerker, der Christ und der Jude, noch mehr als alles dieses Bürger ist.“ 87) Ein solches, allen Gruppen gemeinsames Staatsbewußtsein ist vorläufig — um 1780 — nur erst ein Wunschbild der Zukunft, aber die gesellschaftliche Grundlage, auf der ein solches Wunschbild, das eine Nivellierung der Stände erträumt, entstehen konnte, ist schon in der Aufklärungiselite, in der sich ״Edelmann und Bürger, Christ und Jude“ einander gleichachtend und gleichglaubend begegneten, vorhanden. Der Drang der Vereinzelten zu neuer Einordnung schafft die Aufklärungselite. Diese Einordnung schließt aber die Lehre von der Gleichheit der Menschen ein, denn sie entsteht im bewußten Gegensatz zur ständischen Gesellschaftsordnung und stellt ihr eine 86) Dohm, BdL I, S. 25—26. 87) Dohm, BdL I, S. 26.