Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 352 (sequence 62)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2551369-2551405-2551411--2036-2553556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
352 Es gibt keine Wahrheit, keine Lüge mehr; denn in der Welt der Möglichkeit gibt es nichts Eindeutiges mehr. Es gibt keinen Glauben mehr, denn wo alles möglich ist, braucht man nicht zu glauben. Gott selbst ist zu einer Möglichkeit degradiert. Es, gibt nichts Ruhendes mehr in dieser Welt der Flucht. Alles ist motorisiert. Und so nimmt Picard alle Gebiete des Lebens vor und weist ihre Struktur als eine solche nach, wie sie für die Welt der Flucht charakteristisch ist. Wirtschaftsgestaltung, Soziologie, — Kunst, Schriftstellerei, — Geschichtsbetraehtung (Spengler), Psychoanalyse, — Generationenproblem, Eheproblem — selbst die dialektische Theologie wird nicht ausgenommen — überall findet sich Abkehr von dem Einmaligen Einen und der Beziehung aller Seiten des Lebens auf diesen Einen. Statt dessen imitiert man diesen Einen. Man lese diesen erschütternden Hohn auf den Menschen, man bringe sich dies Zerrbild zum Bewußtsein, das bei dieser Imitation entsteht. Und wie tief ist der Glaube an; die Liebe Gottes in der Seele des Künders׳ verankert, wenn er zum Schlüsse dieser Betrachtung hofft: ״Vielleicht aber hat Gott in Seiner Barmherzigkeit den Fliehenden dies als Ausweg gelassen: daß sie von der Imitation den Weg zum wahren Wesen (Gottes) wieder finden.“ (S. 100). Wie Max Picard uns schon in seinem Buche ״Das Menschengesicht“ (Delphin-Verlag, München 1929) zeigte, daß er das Schwinden der Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen mit künstlerischem Blick erkannte, so zeigt er un׳s heute, daß sich ihm nunmehr die ganze Welt als -eine Welt auf der Flucht vor Gott offenbart hat. Die Welt so zu sehen, ist die Vorbedingung für jeden, der aus der Welt der Flucht den Weg zu Gott zurückfinden will. Man muß sich erst aus der Welt der Flucht befreien, um in der Welt des Glaubens Ruhe finden zu können. Man mag in Einzelheiten dem schauenden Blick nicht immer zu folgen vermögen, im Ganzen wirkt die Darstellung als neue Schau, die jeder wahrhaft Gott-suchende Mensch dankbar in sich Gestalt gewinnen läßt. So wird er in der Lebenspraxis den Geist des Glaubens wieder herrschend werden lassen. Dieser Geist, für den Juden mit den Lehren der Thora verbunden, — denn dieser Geist ist ja die Grundlage der Thora — wird erst die wahrhafte Rückkehr zum Judentum ermöglichen. So sind wir Max Picard für seine große Tat dankbar, daß er uns den Blick für die Welt, wie sie heute in Wahrheit ist, geöffnet hat. Gebe ihm Gott, für den er streitet, den Segen des Sieges. M. M. Der Mensch Job redet mit Gott, von Peter Lippert S. J., Verlag ״Ars Sacra״ Josef Müller, München 13, Friedrichstr. 18. Die Kontroverse unserer Weisen, wann Hiob gelebt, ob er überhaupt gelebt, hat wohl die tiefe Bedeutung, daß das Problem von Hiob ein zeitloses sei. Daß auch in unserer Zeit das Hiobproblem in der Qual seiner Fragen und dem Trost seiner Antworten aktuell gestaltet werden kann, hat Peter Lippert bewiesen, der in seinem neuen Buche das Ringen des Menschen der Gegenwart mit seinem Gotte ergreifend wiedergibt. Als Blüte des ganzen