Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 324 (sequence 34)
- Belongs to
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324 zugefügt werden. Die eindeutige Scheidung zwischen jüdischer und christlicher Lebenssphäre, die wir als Charakteristikum des vorassimilatorischen Zustandes heraussteilen konnten, bewirkte nicht nur eine Trennung zwischen jüdischen und nicht jüdischen Individuen, sie bot auch Möglichkeiten der Verbindung, die gerade aus dem Wissen um die getrennte Lebenssphäre erwuchsen. Diese Verbindungen ergaben sich in erster Reihe auf dem Gebiet der Wirtschaft. Es ist ein bekanntes soziologisches Phänomen, daß gesellschaftlicher Abstand unter gewissen Umständen Interessengemeinschaften begünstigt. Solche Situationen entstehen, wenn das Interesse, um das es sich handelt, sich mit den Interessen der eigenen Gesellschaftsgruppe des einen Partners im Gegensatz befindet, oder wenn die Durchsetzung des Interesses in der eigenen Gesellschaft disqualifizierend wirken würde. Die Stellung der Hoffaktoren in den fürstlichen Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts entspricht einer ähnlichen Lage der Dinge. Die jüdischen Hoffaktoren genossen das Vertrauen der Fürsten, weil sie sich im Kampfe gegen die Stände als Berater und Finanziers der fürstlichen ״Projekte“ bewährten. Sie konnten den Fürsten diesen Dienst erweisen, weil sie durch ihre Zugehörigkeit zu einer neutralen Gruppe keine gesellschaftlichen Bindungen an die Stände und ihnen gegenüber keine gesellschaftlichen Verpflichtungen hatten, die sie an der Unterstützung der fürstlichen Pläne hätten hindern können. Diese Bereitschaft, sich mit den Juden wirtschaftlich einzulassen, ist aber nicht nur bei den Fürsten zu finden. Sie ist ganz allgemein verbreitet, wo die gesellschaftliche Absonderung der Juden sie begünstigt. So macht noch 1810 ein preußischer Beamter eine ganz ähnliche Beobachtung: ״Uebrigens ist in derThat der Mann von Ehrgefühl viel geneigter, eine Geldverlegenheit einem Juden, mit dem er keine gesellschaftlichen Berührungspunkte hat und der in der Regel verschwiegen ist, als einem Christen zu entdecken“.63) Unter ״dem Mann von Ehrgefühl“ ist wohl der Adelige — von Beguelin, der diese Beobachtung macht, ist es selbst — zu verstehen, der gerade aus Mangel an gesellschaftlichen Berührungspunkten mit den Juden eine Wirtschaftliehe Verbindung mit ihnen bevorzugt. Die Eindeutigkeit der Trennung zwischen jüdischer und nichtjüdischer Lebenssphäre gestaltete auch weitgehend die gegensei- 63) Ismar Freund: ״Die Emanzipation der Juden in Preußen“, Urkundenband S. 301.