Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 323 (sequence 33)
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323 Bedeutung sein mag. Es genügt zu erkennen, daß die Aufstiegsmöglichkeit des Jud Süß durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit begrenzt war. Der Anteil der persönlichen Momente ist freilich nicht zu leugnen, denn es gehört ja eine besondere Eigenart dazu, einen völlig neuen Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg zu wählen. Daß dies aber im Falle des Jud Süß nicht gelang, ist dann auch ohne Rücksicht auf die Begabung und Fähigkeit, einen solchen Weg zu gehen, wesentlich aus den sachlichen Gründen der gesellschaftlichen Situation heraus verständlich. Die unerläßliche Bedingung der gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeit für den Juden in der nicht jüdischen Welt war die Annahme des Christentums. Obwohl nun der Staat den liebertritt zum Christentum begünstigte,61) kam der Austritt aus dem Judentum nur selten vor. Die geistige und gesellschaftliche Abgeschlossenheit der jüdischen Gemeinschaft bewirkte, daß die Annahme des Christentums einen völligen Bruch mit der eigenen Vergangenheit, mit Familie und Verwandtschaft zu bedeuten hatte. Ein Anlaß zu diesem Bruch konnte sich nur aus besonderen Umständen ergeben und setzte zudem eine überdurchschnittliche seelische Biegsamkeit voraus. Daher konnte auch Toleranz keine Annäherung zwischen Juden und Nichtjuden bewirken, solange das unmittelbare Ziel der Duldsamkeit die Bekehrung des Juden blieb. Die Haltung mancher preußischer Beamten vom Schlage des Karl Friedrich Lau (um 1700 Hofgerichtsadvokat in Königsberg), der gegenüber den Juden Toleranz empfiehlt, aber zugleich christliche Theologen aufgefordert haben möchte, den Juden die ״richtige“ Auslegung des Alten Testaments beizubringen,62) konnte die Juden nicht zur Aufgabe ihrer Zurückhaltung veranlassen. Die Assimilation beginnt erst da, wo von christlicher Seite auf eine Bekehrung verzichtet, oder sie wenigstens nicht unmittelbar erstrebt, sondern einer späteren Entwicklung überlassen wird, vorläufig aber auf einer neutralen Grundlage mit den Juden gesellschaftlich verkehrt wird. Die Entstehungsgeschichte dieser ״neutralen Grundlage“״ soll den Gegenstand des nächsten Kapitels bilden. Hier muß nur noch zur Frage des vorassimilatorischen Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden einiges ergänzend hin- 61) S. Stern, a. a. O. Bdl. I, S. 117. 62) Ebenda, S. 118. vgl. die dort angegebenen Quellen. (Gegen die Auffassung S. Sterns).