Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 322 (sequence 32)
- Belongs to
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322 sich hätte assimilieren können. Denn die Kultur des Barock, die Jud Süß in ihren Bann zog und deren Lebensstil er sich aneignete, war eine höfische, also von aristokratischen Schichten getragene Kultur. Die geistigen Repräsentanten des Barock, soweit sie nicht aus den aristokratischen Schichten stammten, waren mit den Höfen durch Beamtung oder sonstige höfische Institutionen verbunden.58) Die Aneignung dieser Kultur konnte an sich noch nicht als ״Legitimation“ der Zugehörigkeit zu der kulturtragenden Schicht genügen. Umgekehrt, sie setzte die blutmäßige oder institutioneile Zugehörigkeit zur obersten Gesellschaftsschicht voraus. Außenstehende, und das waren alle Juden, konnten sich bei Reichtum und politischem Einfluß die Lebensformen dieser Schicht aneignen, aber man gehörte dadurch noch nicht zu ihr. Es ist bezeichnend, daß Jud Süß mit allen Mitteln dahin strebte, vom Kaiser geadelt zu werden.59) Dieses Streben wurde von seinem persönlichen Ehrgeiz veranlaßt, aber die Richtung dieses Strebens war durch seine gesellschaftliche Stellung bestimmt. Denn erst die Erhebung zum Adel hätte ihm neben dem politisehen Auf stieg auch den gesellschaftlichen eröffnet. Da ihm der gesellschaftliche Aufstieg nicht gelingt, bleibt er eine Gestalt zwischen Judentum und Umwelt, und mit Recht sagt sein Biograph: ״...in ihm rächte sich der Fremde, der Heimatlose, der von allen Vereinen und Gruppen, Organisationen und Zünften Ausgeschlossene und Verfemte in einer grandiosen, beinahe verbrecherischen Form“.60) Die Voraussetzung des gesellschaftliehen Aufstiegs wäre die Zugehörigkeit zum Christentum gewesen. Warum sich Jud Süß zum Uebertritt zum Christentum nicht entschließen konnte, ist sehr undurchsichtig. Das ist aber für uns auch nicht sehr wichtig. Wir erkennen auf jeden Fall, daß der Jude für die Gesellschaft ein Fremder blieb, auch wenn er ihre äußere Kultur sich aneignete. Die Unmöglichkeit, sich zu assimilieren, lag daher nicht an der Verschiedenheit zwischen Judentum und Zeitgeist, sondern an der gesellschaftlichen Struktur, die die Grundlage der zeitgenössischen Geistigkeit bildete. Es bleibt daher für den Zeithistoriker eine Frage zweiten Ranges, ob und wieweit das Schicksal des Jud Süß durch seinen Charakter und sonstige persönliche Fähigkeiten mitbestimmt wurde — eine Frage, die für den Biographen von ausschlaggebender 58) Günther Müller: ״Höfische Kultur d!er Barockzeit“ 1929 S. 9193־. 69) S. Stern: ״Juid Süß“, S. 133. «0) Ebenda, S. 141.