Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 320 (sequence 30)
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320 gelegentlich bedauernd fest, daß zu früheren Zeiten sich die Rabbiner nicht darum kümmerten, was man über die Juden in der zeitgenössischen Literatur schrieb. Mendelssohn sah den Grund dafür in der Unkenntnis der Landessprache, in der sie hätten erwidern müssen.54) In Wirklichkeit hätten die Rabbiner, auch wenn sie von den literarischen Aeußerungen, die über das Juden־ tum gemacht wurden, Kenntnis erhalten hätten, was wohl nicht immer der Fall war, kaum dazu Stellung nehmen können, da die Voraussetzungen freier Meinungsäußerung fehlten. Aber auch von diesen äußeren Hindernissen abgesehen, fehlte die Bereit- Schaft zur Auseinandersetzung mit anderen Glaubens- und Geisteswelten. Der Mangel an Bereitschaft lag nicht am Fehlen von Geisteskräften. Die aus dieser Zeit stammende talmudische Literatur zeugt vom Vorhandensein außerordentlicher Begabungen. Die Auseinandersetzung blieb aus, weil es keine Menschen gab, die zugleich in der jüdischen und außer jüdischen Welt existiert hätten und so in ihrem jüdischen Denken und Fühlen angetastet worden wären. Es waren noch keine Konflikte entstanden, die nach Ausgleich suchten, was jeder Auseinander- Setzung vorangehen muß. Die jüdische und nicht jüdische Welt standen getrennt nebeneinander und die Menschen gehörten entweder der einen oder der anderen an. Diejenigen, die der jüdischen Welt angehörten, konnten ihre gesellschaftlichen An- Sprüche und Bestrebungen nur nach innen geltend machen. Nach außen konnte die wirtschaftliche Bedeutung mit zunehmendem Reichtum allenfalls wachsen. Doch konnte sich diese Wirtschaftliehe Bedeutung nach außen nicht in gesellschaftliche umsetzen, sie wirkte gesellschaftlich nur nach innen. Das beste Beispiel dafür ist die Gestalt der Frau von Jost Liebmann, dem Münzmeister und Hoffaktor des Großen Kurfürsten, die ihrem Sohn und ihrem Schwiegersohn durch ihren Einfluß bei den zuständigen Behörden Rabbinate verschaffte.55) Dieses Beispiel zeigt aber auch, in welcher Richtung die gesellschaftliche Geltung nach innen sich aus wirkte. Das höchste Ideal, das sich auch der reichste unter den Juden als Erziehungsziel für seine Söhne gesetzt hatte, war die Befähigung zu einem 54) Mendelssohns gesammelte Schriften, 1843, Bd. IV. a. S. 530. 55) Stern, a. a. O. S. 150. Vgl. auch die Lebensgeschichte Samson Wertheimers, der Haffaktor und Landesrabbiner zugleich ist. D. Kaufmann: ״Samson Wertheimer“ 1888.