Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 317 (sequence 27)
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317 gab es einzelne jüdische Aerzte, die auch außerhalb des ״Ghettos“ ihren Beruf ausübten, und auf diese Weise mit Nichtjuden in Berührung kamen, und die auch während ihrer Ausbildung auf den Universitäten mit der iVußenwelt eine nichtwirtschaft־ liehe Begegnungsform erfuhren. Doch so verschieden auch die einzelnen Begegnungen nach ihrem Anlaß und ihrer daraus entstehenden Form gewesen sind, sie hatten alle zweierlei gemeinsam. Sie waren erstens zweckbestimmt, zweitens vollzogen sie sich auf der Grundlage eines bewußten Abstandhaltens. Jedes Zusammentreffen zwischen Juden und Nichtjuden hatte zu dieser Zeit einen von vornherein erstrebten Zweck. Das Zusammentreffen als Selbstzweck mit freundschaftlichem oder geselligem Charakter war zwischen Juden und Nichtjuden nicht möglich. Ein solches Zusammentreffen würde eine ״Gesellschaft“ vorausgesetzt haben, in der Juden und Nichtjuden gleichzeitig verkehrt hätten. Denn nur auf der Grundlage des gesellschaftlichen Verkehrs ist ein Zusammentreffen von Menschen als Selbstzweck denkbar.45) Eine solche Gesellschaft hat es aber bis zur assimilatorischen Zeit nicht gegeben. Die Entstehungszeit einer solchen Gesellschaft ist der Markstein zwischen der vorassimilatorischen und assimilatorischen Epoche. Der zweite Grundzug der Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden hat seinen Grund in der im vorigen Kapitel geschilderten klaren Erkenntnis von dem national anders gearteten Charakter der jüdischen Bevölkerungsgruppe. Der Jude konnte nicht als losgelöstes Individuum Anderen gegenübertreten, da er immer gleichsam als der Vertreter seiner Nation genommen wurde, und sich auch als solcher empfand. Er wurde daher weniger als ein bestimmter Einzelner betrachtet, als vielmehr als ״Einer von der jüdischen Nation“. Diese Gebundenheit an die eigene Gruppe hatte dem Juden bei jeder Begegnung mit der Umwelt eine Zurückhaltung auferlegen müssen, die sich bei der Begegnung von Zugehörigen verschiedener Gemeinschaften ergibt. Eine solche Gebundenheit an eine ״Gemeinschaft“ war nicht nur auf der jüdischen Seite, sondern auch auf nichtjüdischer Seite da. Es kann hier unerörtert bleiben, wie weit der Begriff der Gemeinschaft in seiner durch Ferdinand Tönnies geprägten Bedeutung 46) auf das Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts paßt. Es 45) Vgl. Georg Simmel: ״Die Grundfragen« der Soziologie“. Das Kapitel über die Geselligkeit, 1917. 46) F. Tönnies: ״Gemeinschaft und Gesellschaft“ 1887.