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Nahalat tsevi · 1935-08-01 · Heft 11-12 (August 1935) · p. Seite 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
V (5695) 1934/35
Issue
Heft 11-12 (August 1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 295 (sequence 5)
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295 Frage so eindringlich ans Herz wie der Versöhnungstag, und nur um uns das Werk der Selbstprüfung zu erleichtern, lesen wir am Jom-Kippur die Geschichte des Propheten Jona, die wie ein Gleichnis unseres eigenen Schicksals auf uns wirken soll. Was tat Jona, nachdem das Wort Gottes an ihn ergangen war? Statt nach Niniwe zu gehen, machte er sich auf, gen Tharschiseh zu fliehen, hinweg von dem Angesicht Gottes. Er ging nach Japha hinab, dort fand er ein Schiff, das nach Tharschisch fuhr. Da zahlte er den Fahrpreis und stieg hinein, um mit den andern nach Tharschisch zu fahren, hinweg aus dem Angesicht Gottes. Ist das nicht ein Bild unseres eigenen Schicksals in den letz־־ ten 100 Jahren? Kaum waren die Mauern der Judengasse gefallen, kaum waren wir, wenn auch bloß auf dem Papier, zu gleichberechtigten Staatsbürgern geworden, da ist es uns vor unserer eigenen Auserwähltheit und göttlichen Berufung angst und bange geworden. Und wir sprachen mit Jona: Hinweg aus dem Angesichte Gottes! Fort mit dem alten Wahn einer besonderen Bestimmung des jüdischen Volkes! Was Thora, was Judentum! Wir wollen nichts anderes sein als die anderen. Hinein mit den andern in das glückhafte Schiff, das nach Tharschisch fährt. — Und wir zahlten den Fahrpreis, den teuersten, der jemals gezahlt wurde. Wir zahlten ihn mit dem Besten und Edelsten und Heiligsten, was in uns war, wir zahlten ihn mit der Preisgabe von Thora und Mizwoth, mit der Preisgabe des Sabbath und der Feiertage, mit der jüdischen Heiligkeit unseres Tisches und unserer Ehe, mit der jüdischen Erziehung unserer Kinder! — Und nun konnte es losgehen, das Signal zur Abfahrt ertönte. Wir machten es uns bequem in dem Schiff, das uns mit den andern nach Tharschisch entführte, hinweg aus dem Angesichte Gottes. Es war eine lange Fahrt, sie dauerte jahrzehntelang, ohne uns an das Ziel unserer Sehnsucht zu bringen. Wir befanden uns noch mitten aaif der Fahrt, da geschah es an einem Unglück־ liehen, von dunkeln und schweren Wolken verhangenen Tage — es war der 1. August 1914 — da sandte Gott einen gewaltigen Wind auf das Meer hinaus, der wurde auf dem Meere zu einem mächtigen Sturm, und das Schiff drohte zu scheitern. Da fürchteten sich die Seeleute, und sie flehten ein jeder zu seinem Gotte. Jona aber, der aus dem Angesichte Gottes fliehende Jona, er, der Jude, war der einzige auf dem Schiff, der nicht betete. Er

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