Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 258 (sequence 32)
- Belongs to
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Ü6 daß die Juden bis zu ihrer Emanzipierung (in Preußen im Jahre 1812) unter Sondergesetze gestellt waren. Sie durften nur bestimmte Gewerbe betreiben, hatten dagegen gewisse Abgaben, die nur für sie galten, zu entrichten. Sie waren von den Zünften und Innungen ausgeschlossen und hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit. Es ist der Zustand, den Werner Sombart mit dem Begriff des ״Halbbürgertums“ bezeichnete.35) Durch diese Bestimmungen durch die die Juden auch wirtschaftlich und rechtlich eine Sonderstellung erhielten, wurde ihre nationale Eigenexistenz gleichsam von Staats wegen anerkannt. Am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als infolge des Zionismus die Frage diskutiert wurde, ״ob die Juden eine Nation sind“, spielte das Gegenargument eine große Rolle, daß ja die Juden keine territoriale Einheit bilden. Im 18. Jahrhundert war dieses Argument noch nicht aufgetaucht, obwohl die territoriale Einheit da genau so fehlte. Sie wurde allerdings bis zu einem gewissen Grade durch die geschlossenen jüdischen Siedlungen ersetzt. Dadurch, daß die Juden von den Christen getrennt wohnten, wurde das Bewußtsein gestärkt, daß sie zu einer anderen Gruppe von Menschen, zu einer anderen Nation gehörten. Doch waren die Judenviertel im 17. und 18. Jahrhundert nicht mehr überall üblich. In den preußischen Städten36), zumal in Berlin 37), wohnten die Juden, wenn auch nur in bestimmten Stadtvierteln, so doch zerstreut, unter der christlichen Bevölkerung. Mag trotzdem die relative Geschlossenheit der jüdischen Siedlungen einen Ersatz für die territoriale Einheit gebildet haben, sie wurde durch andere Momente, viel eher als durch diese ersetzt. Die Juden aller Länder waren durch die oben beschriebenen Merkmale miteinander verbunden. Die Juden verschiedener Länder verkehrten mit einander nicht nur durch ihre kaufmännischen Beziehungen, sondern auch durch ihre kulturellen Verbin dun gen. Die Rabbiner und Lehrer wurden von einem Land in das andere berufen,38) was einigermaßen gleiches Niveau des religiös-kulturellen Lebens voraussetzt. So war trotz territorialer 35) Werner Sombart: ״Die Juden und das Wirtschaftsleben“ 1911, S. 207. 36) Stern, a. a. O. Rd. I, S. 148. 37) Hans Landisberg: ״Henriette Herz, ihr Leben־ und ihre Zeit“ S. 6 (1913). 38) Karpeles, a. a. O. B. II, S. 318 ff. _ _ :