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Nahalat tsevi · 1935-06-01 · Heft 9-10 (Juni 1935) · p. Seite 255

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Journal
Nahalat tsevi
Volume
V (5695) 1934/35
Issue
Heft 9-10 (Juni 1935)
Date
1935-06-01
Page
Seite 255 (sequence 29)
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255 mit dem Talmud und seinen Kommentaren im Leben der Juden zu dieser Zeit zumal während der EntwicklungsJahre einnahm, so wird man ermessen können, wie sehr die jüdisch-deutsche Sprache, die dabei verwandt wurde, bei ihnen Wurzel fassen mußte. Sie blieb daher auch solange im Gebrauch, als die Beschäftigung mit dem Talmud und seiner Literatur der Hauptinhalt des geistigen Lebens blieben. Erst nachdem außerjüdische Bildungselemente die talmudische Literatur zu verdrängen begannen, schwand auch das Jüdisch-Deutsche. Die sprachliche Angleichung an die Umwelt hat dann das Bedürfnis erzeugt, auch die noch gepflegten jüdischen Quellen in deutscher Sprache zu verarbeiten. Das erste Zeugnis dieses Bedürfnisses ist die Mendelssohn’sche Bibelübersetzung. Doch dies gehört einer späteren Zeit an und soll erst später näher betrachtet werden. So ergibt sich, daß die religiös-kulturelle Sonderstellung der Juden auch ihre sprachliche Sonderstellung mit sich brachte. Die Juden hatten ihre eigene geistige Welt und nahmen ״an den geistigen Strömungen des Jahrhunderts“ keinen Anteil.28) Aber nicht, weil die jüdisch-deutsche Sprache ״eine unüberwindliche Schranke bildete“29), sondern umgekehrt: weil sie an den geistigen Strömungen der Zeit sich nicht beteiligten, sondern ihre eigene Geisteswelt besaßen, gebrauchten sie ihre eigene Sprache. Die umgekehrte Auffassung über den Zusammenhang zwisehen Sprache und Kultur entstammt der oben erwähnten Ge- Schichtskonzeption der jüdisch-liberalen Geschichtsschreibimg. Die abschätzige Bewertung der talmudischen Literatur traf ihre sprachliche Vermittlungsform, das Jüdisch-Deutsch erst recht. Dann aber erschien das Jüdisch-Deutsche als das eigentliche Trennungsmoment zwischen Juden und Umwelt und so Ursache der ״allgemeinen Verwilderung in der Judenheit“, Worte, mit denen Grätz das Kapitel über das erste Viertel des 18. Jahrhunderts überschreibt.30) Die neuere Forschung hat die Unhaltbarkeit dieser Auffassung erwiesen.31) Es stimmt nicht, daß in der vorassimilatorischen 28) S. Stern a. a. O., B& 1. S. 147. 2°) Ebenda. 30) Grätz, a!. a. O. R& 10. Ihm folgt die gesamte liberale Ge- Schichtsschreibung. Sekna Stern׳ ist im allgemeinen weit über diese Auffassung hinausgekammen, behielt aber trotzdem die Auffassung über die Sprache als primären Trennungsfaktor bei. 31) I. Eschdbacher: ״Die Anfänge allgemeiner Bildung unter den

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