Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 254 (sequence 28)
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254 turelle Sonderstellung der Juden angesehen.24) Diese Theorie erhält eine Bekräftigung durch die Tatsache, daß gleichzeitig mit dem Schwinden des Jüdisch-Deutschen unter allen anderen Faktoren, die zur Erklärung seiner Entstehung in Betracht kommen, nur dieser, — nämlich die religiös-kulturelle Sonderstellung eine Aenderung erfährt. Weder die Siedlungsart der Juden, noch ihre berufsmäßige Schichtung änderte sich zur selben Zeit.25) Wohl aber ist eine Gleichzeitigkeit der Lockerung der religiös-kulturellen Sonderstellung und des Schwindens der jüdisch-deutschen Sprache festzustellen. Diese Gleichzeitigkeit im Aufhören von eigener Sprache und eigener Kultur läßt einen Zusammenhang zwischen den beiden Faktoren auch in Bezug auf ihre Ausbildung vermuten. Mögen aber bei der Entstehung des Jüdisch-Deutschen auch andere Ursachen mitgewirkt haben — seine Beibehaltung bis zur Zeit der Assimilation wird durch diese Theorie hinreichend erklärt. Das religiös-kulturelle Leben der Juden um diese Zeit ist rein formell dadurch charakterisiert, daß es sich fast ausschließlieh aus der hebräischen, talmudischen (sprachlich aramäischen) und späthebräischen Literatur nährte. Im gesprochenen Jüdisch- Deutsch wurden nur Erbauungs- und Moralbücher für Frauen, wie auch Bibelübersetzungen und wenige Uebertragungen deutscher Schriften der zeitgenössischen Literatur abgefaßt.26) Den weitaus größeren Raum nahm die biblisch-talmudische Literatur ein. Sie bildete die Grundlagen des Unterrichtsstoffes in den Lehrhäusern, sie wurde bei Vorträgen in der Synagoge herangezogen und gedeutet. Das beste sprachliche Mittel zur Vermittlung dieser Literatur war aber das Jüdisch-Deutsch. Bekanntlich enthält das Jüdisch-Deutsche einen hohen Prozentsatz hebräischer Worte und hebräischer Wendungen, die gerade der talmudischen Literatur entnommen oder ihr entlehnt sind.27) Diese Entlehnungen umfassen gerade jene Begriffe, die gleichsam die Substanz der jüdischen Gedankenwelt ausmachen. So konnte bei der Vermittlung der hebräischen und talmudischen Begriffe im Jüdisch-Deutsch auf eine eigentliche Uebersetzung verzichtet werden; denn sie waren aus der Umgangssprache heraus bekannt. Bedenkt man nun, welchen Raum die Beschäftigung 24) Siehe Mieses und! Birnbaum a. a. O. 25) Vgl. die späteren Kapitel. 26) Karpeles a. a. O. Bdl. II. S. 337 ff. 27) Mieses, a!. a. O. S. 18.