Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 253 (sequence 27)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2551369-2551405-2551410--1932-2553451- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
253 Bezeichnung Volk kommt seltener vor und wird in demselben Sinne gebraucht, wie Nation, Die von dieser Zeit ab auftretende bewußte Weglassung dieser Bezeichnungen oder gar die Vermeidung des Namens Jude sind schon deutliche Symptome der Assimilation. Wir wissen, daß der Begriff der Nation im 18. Jahrhundert nicht mit dem des 19. oder gar mit dem des 20. Jahrhunderts gleichgesetzt werden darf. 22) Die Fülle der begrifflichen und vor allen Dingen gefühlsmäßigen Inhalte dieses Wortes häuften sich erst im Laufe der Geschichte des letzten Jahrhunderts, nachdem dieses Wort gleichsam zum zentralen Begriff des historisehen Denkens erhoben wurde. Das 18. Jahrhundert gebraucht das Wort als eine Kategorie für ethnographische Einheiten mit genau angebbaren, aus der Erfahrung gewonnenen Merkmalen. Wir müssen uns also fragen, auf Grund welcher Merkmale konnte man die Juden zu dieser Zeit eine Nation nennen. An erster Stelle wird man in diesem Zusammenhänge auf die sprachliche Sonderstellung der Juden hinweisen müssen. Die Juden haben bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ein eigenes Idiom, das sogenannte Jüdisch-Deutsch gesprochen. Die Entstehungsursachen dieses Idioms sind viel umstritten. 23) Die Schwierigkeit des Problems liegt darin, daß die Juden trotz der Zugehörigkeit zum deutschen Sprachraum ein eigenes Idiom herausgebildet haben, dessen sprachliche Grundsubstanz aber der deutschen Sprache entnommen ist. Der Hinweis auf die rassische Eigenart der Juden erklärt die Tatsache nicht; denn die Assimilation hatte dieses Idiom beseitigt, ohne an der rassenmäßigen Zusammensetzung der Juden etwas geändert zu haben. Die eigenartige Nuancierung der Sprache, die die Juden auch nach der Assimilation vielfach beibehalten haben, und die also auf rassenmäßige Ursachen zurückgeführt werden mag, ist gegenüber dem Judendeutsch des Mittelalters eine so unbedeutende Sprachvariation, daß ihr Vorhandensein über die Entstehung des Jüdisch- Deutschen keinen hinreichenden Aufschluß geben kann. Es müssen bei der Entstehung dieser Sprache — sie darf in der Tat als eine Sprache angesehen werden — neben der rassenmäßigen Eigenart der Juden auch andere Ursachen mitgewirkt haben. Als solche wird von der modernen Forschung die religiös-kul- 22) Friedrich Meineake: ״Weltbürgertum! und Nationalstaat“, S. 22. 23) Mieses a. a. O. vgl. auich den Artikel ״Jiddische Sprache“ von S. Birnbaum im Jüdischen Lexikon, 1929.