Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 7-8 (März 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 199 (sequence 45)
- Belongs to
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199 ist nur eine Nuance im Verhältnis zu der revolutionären Bedeutung, die dem Thora-im-Derech-Erez-Ruf oder der Mensch- Jisroel-Ideologie zukam. Eine notwendige haggadische Umorientierung kann sich daher sehr eng an Hirsch anschließen. Solche Neuorientierung hat im Kreise der Thoratreuen überhaupt einen andern Sinn als in den europäisch orientierten liberalen oder zionistischen Kreisen. Für den modern orientierten Juden ist seine Judentumsdeutung, genauer: die ihm sympathische Judentumsdeutung, mit seinem Judentum überhaupt identisch. Weil er das Judentum als Nation oder als seinem Wesen entsprechende Weltanschauung deuten kann, gibt es für ihn ein Judentum, hat das Judentum für ihn Interesse. Wenn das Judentum ihm nichts sagen kann, so kann er sich auch nicht als Jude fühlen. Für den thoratreuen Juden aber ist die Thora eine Gegebenheit, die von ihm bestimmte Denkarbeit (Lernen) und bestimmte Handlungen fordert. Diese Tatsache könnte als praktisch belanglos betrachtet werden, weil es wohl kaum einen thoratreuen Menschen geben wird, der Thora und Mizwoth nur widerwillig anerkennt; jeder ist in Liebe mit der Thora verwachsen. Aber dennoch ist die objektive Verbindlichkeit von großer Bedeutung. Sie erzeugt eine eigentümliche Einstellung zur Thora. In jeder Pflichterfüllung spielt psychologisch das Bewußtsein von der über alle Kritik erhabenen Geltung des Din eine wichtige Rolle. Hierdurch erhält die Thora und jeder Teil der Thora einen unumstößlichen Pflichtcharakter und wird aus der Stimmung festtäglicher Romantik in den Zustand werktäglicher Notwendigkeit gewandelt — und gehoben. Es bleibt nicht dabei, daß der Din den Alltag, wie z. B. das Berufsleben, durchdringt; er nimmt vielfach auch gerade den feierlichen Momenten die Feierlichkeit. Das Werkverbot des Schabbath, das Eßverbot des Jom Kippurim ermögliehen zwar oft erst die Gehobenheit der Stimmung; nicht selten aber wird diese gehobene Stimmung von diesen Dinim her ernstlich bedroht. Diese Strenge des Din wird nicht als Last empfunden. (Hierüber hat Dr. Wohlgemuth im Jeschurun verschiedentlich gehandelt.) Sie gibt aber der Einstellung des Juden zur Thora ein besonderes Gepräge. Die höchste Form dieser Ein- Stellung zur Thora ist das stets wache, voll erfühlte Empfinden, Haschems Willen zu tun. Dieses Bewußtsein ist in seiner ganzen Tiefe bei den meisten Thora Erfüllenden nur selten vorhanden. Aber bei jedem bewußten Handeln auf Grund des Din fühlen