Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 7-8 (März 1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 175 (sequence 21)
- Belongs to
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175 werden, daß an die Stelle der Beeinflussung durch geschlossene Gruppen jetzt eine Assimilierung durch offene Gruppen trat. Mit der Betonung des Funktionswertes der assimilierenden Elemente soll die Bedeutung der Problematik, die sich aus der Frage nach dem Inhalt der übernommenen Lebens- und Denkformen ergibt, nicht herabgemindert werden. Die Wichtigkeit der Frage, ob gewisse aus der Umwelt stammende Inhalte oder auch Formen dem Judentum gemäß und umgekehrt, ob die aus dem Judentum kommenden Inhalte und Formen einer anderen Gemeinschaft gemäß sind, liegt im Bereiche des Weltanschauliehen. Nur glauben wir, daß für die historische Deutung des Assimilationsprozesses — in geschichtswissenschaftlichem und nicht geschichtsphilosophischem Sinne — die Untersuchung nach der funktionellen Bedeutung der Lebens- und Denkformen ergiebiger ist, als eine Frage nach ihrer inneren Berechtigung. Letztere wird mit Recht dort gestellt, wo heute am Ende des Assimilationsprozesses — und in gewissen Kreisen auch schon früher — eine Dissimilation versucht wird, wobei die rein gesellschaftliche Scheidung nicht mehr ausreicht. Denn nach erfolgter Assimilation genügt es selbstverständlich nicht, den aufgenommenen Formen und Inhalten ihre gesellschaftsbildende Funktion zu nehmen. Ihr Wirken nach innen hört damit nicht auf und fordert daher die Frage nach ihrer Berechtigung heraus. Die Frage nach den Entstehungsursachen der Assimilation wurde schon immer wieder mehr oder weniger ausdrücklich gestellt. Sie erfuhr eine mannigfaltige Beantwortung, die in drei Hauptgruppen zusammengestellt werden kann. Die erste Antwort, die von Grätz in seiner großen jüdischen Geschichte 6) am konsequentesten durchgeführt und nach ihm von den meisten Vertretern der liberalen Geschichtsschreibung angenommen wurde,7) knüpft die Entstehung der Assimilation an die persönliche Wirksamkeit von Moses Mendelssohn an. Dieser Auffassung liegt eine negative Beurteilung der vorassimilato rischen Zeit der jüdischen Geschichte, also des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zugrunde. Moses Mendelssohn habe nach einem vorausgegangenen Verfall des Judentums ihm eine innere Erneuerung gebracht und es so für seinen Ein- 6) H. Grätz: ״Geschichte der Juden“ Bd. 11. 7) V,gl. Ludwig Geiger: ״Geschichte der Juden in Berlin“, 1871. Kayserling: ״Moses Mendelssohn“, 1862. Karpeles: ״Geschichte der jüd. Literatur“, Bd. III.