Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 27)
- Belongs to
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auch an dieser Geradlinigkeit; denn für Probleme der Geschichte — und um die geht es doch hier — sind Rechenexempel kein taugliches Vorbild. Die Forderung an die Gegenwart, den histosehen Rückzug anzutreten, stützt sich auf die geschichtliche Tatsache, daß die europäische Kultur Hand in Hand mit der gesellschaftlich-politischen Assimilation bei den Juden Eingang fand. Daraus wird die Forderung abgeleitet, beim Wegfall der Assimilation auch die Spuren des kulturellen Einflusses zu beseitigen. Freilich ist es richtig, daß die Begegnung zwischen der geistigen Macht des Judentums und der europäischen Kultur in dieser trüben Atmosphäre der gesellschaftlichen Assimilation vor sich ging, aber man stelle sich vor, die europäische Kultur hätte die Entwicklung der letzten hundertfünfzig Jahre zurückgelegt, ohne die Judenheit gesellschaftlich und politisch in ihren Bereich zu ziehen — wäre diese Judenheit von dieser Kultur unberührt geblieben? Der Gedanke daran ist unfaßbar, und es ist ohne historisches Beispiel, daß das Judentum auf eine in seiner Nachbarschaft blühende Kultur nicht irgendwie, wenn auch nur in Abwehr, reagiert hätte. Vielfach fallen die Abgrenzungen der jüdischen Geschichtsepochen mit den Zeiten der Begegnung mit den Kulturen der Völker zusammen, denn diese haben dem Judentum — freilich in ihm potentiell vorgegebene — Kräfte entfesselt, die wir aus der jüdischen Geschichte — der Gedanke daran grenzt an Blasphemie — nicht missen möchten. Ob eine Begegnung mit der europäischen Kultur ohne die Assimilation so positiv ausgefallen wäre, entzieht sich der menschlichen Beurteilung. Daß sie jedoch auf alle Fälle stattgefunden hätte, ist über jeden Zweifel erhaben. Wie sie allerdings stattfand, in Begleitung des größten ^Auflösungsprozesses, den die jüdische Geschichte kennt, hat sie die Sanktion des jüdischen Gottes nicht erhalten, und wir sind Zeugen einer historischen Revision, in der die Sünden eines Jahrhunderts liquidiert werden. Was trotzdem aus den Ergebnissen dieser Begegnung in die jüdische Geschichte eingehen wird, wissen wir nicht. Denn sie alle tragen die Spuren der Atmosphäre, in der sie entstanden sind, an sich, in weitem Abstande von allem anderen, auch die Werke Rabbiner Hirschs: Man denke an die Sprache, in der sie abgefaßt wurden und an jene Bestandteile, die nicht als Deutung der jüdischen Lehre, sondern als die notwendig gewordene Werbung für sie anzusehen sind. In dieser Unsicherheit gegenüber den Ergebnissen der Assimilationszeit hilft nur die Herstellung der