Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 20)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2551369-2551405-2551408--1755-2553272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 Nachdem so die bisherigen ideologischen Grundpfeiler des jüdischen Liberalismus in Deutschland — was wohl allgemein anerkannt ist — zusammengebrochen waren, hat in der Januar- Mitte der Vorstand der liberalen Vereinigung eine Tagung nach Berlin einberufen, um auf dieser aufs neue zu versuchen, denjenigen deutschen Juden, die sich nicht zur Orthodoxie und nicht zu einem N ational - Judentum areligiöser Observanz bekennen, das Gebäude aufs neue zu schaffen, dessen Portal die Inschrift ״Liberales Judentum“ trägt. Wir haben nicht das Recht, an diesem Versuche achtlos vorüberzugehen•, sind doch Hunderttausende jüdischer Menschen in Deutschland voll Erwartung und Sehnsucht, daß ihnen von dieser Seite eine neue Offenbarung zuteil werde, sind doch eine nicht unbeträchtliche Zahl von Gemeinden offiziell und institutionell ״liberal“, und es fehlt auch nicht an thoratreuen Rabbinern, Lehrern und Laien, die es bis zur Stunde für tragbar empfunden haben, durch ihre Zugehörigkeit zu diesen liberalen Gemeinden zu bekunden, daß die Basis dieser jüdischen Gemeinden immerhin so beschaffen sei, daß man auch bei individueller Ablehnung der Gesamtanschauung noch nicht genötigt sei, die materielle und ideelle Sanktion, welche durch die Zugehörigkeit ausgesprochen ist, ihnen zu entziehen. Nachdem nunmehr die offizielle Vertretung des liberalen Judentums in Deutschland gesprochen hat, ist es daher wohl angebracht, wenigstens die Grundzüge des neuen Kurses einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. II. Zu solcher Betrachtung ist umsomehr Anlaß, als der Vorsitzende der liberalen Vereinigung Herr Heinrich Stern in seinem einleitenden Referat erklärt, daß das liberale Judentum nicht etwa eine Organisationsform oder eine Partei im Judentum darstellt, sondern das Judentum schlechtweg. Der theologische Sprecher und Hauptreferent, Herr D r. Dienemann, kann den Anspruch erheben, daß wir nicht etwa vom orthodoxen Standpunkte aus, sondern lediglich nach den allgemein gültigen Gesetzen der Logik und inneren Folgerichtigkeit zu erkennen versuchen, ob das von ihm vorgetragene Gedankengebäude sich als Plattform einer religiösen Gemeinschaft überhaupt eignet. Sein Referat spielt für uns hierbei die Hauptrolle, nicht die