Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 19)
- Belongs to
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85 Liberales Judentum 1935. Von Dr. Salomon Ehrmann. Ein Tag der Not und der Zurecht- Weisung und! der Verhöhnung ist dieser Tag, denn die Kinder sind bis zur Geburt gekommen, aber es ist keine Kraft vorhanden, zu gebären (Jesaja 37, 3). Es war im Jahre 1928, als in Berlin der Weltverband für liberales Judentum tagte. Damals hielt Herr Dr. Cäsar Seligmann eine programmatische Rede über religiös-liberales Judentum, worin er u. a. ausführte: ״Wir wollen den Weg mit den Völkern gehen, unter denen wir leben, und nicht abseits von ihnen oder neben ihnen; mit ihnen nicht nur politisch, wirtschaftlich und sozial, sondern durch Sprache, Geschichte und Schicksal in seelischer Gemeinschaft verbunden. Auf diese seelische Gemeinschaft mit ihnen können und wollen wir nicht verzichten, denn das ist ein Stück unserer Persönlichkeit geworden, unsere erlebte Wirklichkeit.“ Was damals bejaht, und zwar mit freudigem Stolz bejaht wurde, ist inzwischen zusammengebrochen. Die Mehrzahl aller deutschen Juden, welche man als liberal bezeichnete (in Wahrheit waren sie wohl eher indifferent zu nennen) bezogen ehedem ihre Weltanschauung fast ausschließlich von der nicht jüdischen Umwelt. Sie ringen nun nach einem neuen Inhalt ihres Judeseins. Dieser Inhalt kann sich nicht wie ehedem in lauter Negationen erschöpfen. Man kann heute wahrlich den deutschen Juden kein Judentum mehr zumuten, dessen Charakteristikum darin besteht, daß man nicht den Wortlaut der Bibel als göttlieh anerkenne, nicht sich der Arbeit am Sabbath enthalte, nicht die biblischen Speise- und Ehegesetze beobachte usw. (Diese Verneinungen waren in den letzten Jahrzehnten die einzig mögliche Definition des liberalen Judentums.) Man kann aber auch nicht — wie es Dr. Cäsar Seligmann in seinem Buche ״Geschichte der jüdischen Reformbewegung“ versucht — etwa den ״Willen zum Judentum“ ohne Zielsetzung als genügenden Inhalt irgend einer jüdischen Bewegung auf stellen; wenn diese Worte schon immer eine Phrase waren, so ist ihr phraseologischer Charakter heute mehr denn je zutage getreten, wo der Wille zum Judentum keineswegs mehr Gegenstand einer freiwilligen Entscheidung ist.