Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- V (5695) 1934/35
- Issue
- Heft 4-6 (Januar 1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 9)
- Belongs to
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75 schichtlichen Schau, die erst lange nach seinem Heimgang, die eigentlich erst in unsern Tagen ihre grandiose Bestätigung gefunden hat und noch weiter finden wird, liegt in seiner unermeßliehen Gottesfurcht und Gottesliebe, seinem unermeßlichen Vertrauen zu unseren Weisen, die ihm den Mut und die Kraft gaben, den furchtbaren Gefahren, die seine geschichtliche Schau gleichfalls enthielt, nicht nur standzuhalten, sondern diese geschichtliche Schau, den Gefahren zum Trotz, in den Mittelpunkt seines Denkens und Handelns zu stellen und damit zum Wegweiser des jüdischen Volkes in seiner weiteren geschichtlichen Entwicklung zu werden. Sahen die Alten in den herauf kommenden Tatbeständen nur ihre einstweilige Gegensätzlichkeit zum Gotteswort und hielten sich todesbereit an die berstenden Planken der alten Tatbestände geklammert, so vollbrachte Rabbiner Hirsch die historische Tat des Sprunges in Neuland, um dem alten, unveränderten Gotteswort die Herrschaft über die neuen Tatbestände zu gewinnen. Denn nicht um Ausgleich und nicht um Versöhnung, nicht um eine Synthese und erst recht nicht um ein Nebeneinander, sondern um Herrschaft, um wahre und eigentliche Herrschaft des Gottesworts über die neuen Tatbestände ging es Rabbiner Hirsch. Das Gotteswort verträgt keine Nebenherrschaft und ganz gewiß keine Duldung. Als richtiger Revolutionär faßte er die liberalistische Einzelpersönlichkeit, das liberalistische Humanitätsideal, den liberalistisch-kapitalistischen Erwerbsberuf und nicht zuletzt den in der liberalistischen Wissenschaft sich austobenden Menschengeist an und führte sie alle als Tatbestände im engsten Sinne des Wortes zum lodernden Feuer der Thora, damit sie dort ihre Reinigung, ihre Läuterung und, wenn es nottat, ihre Vernichtung fänden. Das völlig unerträglich gewordene Spannungs- Verhältnis zwischen dem Gotteswort und der über Westeuropas Juden gekommenen neuen Zeit löste er als richtiger Revolutionär des Gottesworts, indem er mit den Waffen des Gottesworts in die neue Zeit hineinstieg und sie in ihre Bestandteile zerbrach und sie formte und gestaltete, bis sie dem Gotteswort als taugliche Nahrung des Gottesfeuers zu Füßen gelegt werden konnte. Die Proklamierung der Herrschaft der Thora über die neue Zeit: das war die geschichtliche Leistung seines Lebens für seine eigenen Zeitgenossen. Das Schrifttum Rabbiner Hirschs weist es aus, daß die Epigonen die Devise תעד״א weit häufiger im Munde führten als