Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 11-12 (August 1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 287 (sequence 9)
- Belongs to
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257 sie die vollständige Erfüllung des also entstandenen Agudismus, und es würde somit dem Agudismus eine treibende Kraft nicht mehr innewohnen können. Eine verwirklichte Idee ist keine Idee mehr, sondern Wirklichkeit, und Wirklichkeit ist das Gegenteil jeder Bewegung. Höchstens könnte man noch geltend machen, daß die Forderung der Unabhängigkeit so lange nicht restlos erfüllt sei, als nicht das ganze jüdische Volk, oder mindestens alle seine in ihrem persönlichen Verhalten thoratreuen Glieder für Agudas Jisroel gewonnen wären. Dann würde Agudismus lediglich das Streben bedeuten, für Agudas Jisroel immerfort neue Mitglieder zu warben. Von einer Idee oder einer Bewegung wäre aber alsdann erst recht keine Rede. Schon die vielfache Anfeindung, die Agudas Jisroel von thoratreuer Seite gefunden hat, läßt vermuten, daß der sie tragende Geist, den agudistischen Führern selber unbewußt, irgendwie im Weltanschaulichen wurzelt, in jenen Tiefen des jüdischen Denkens und vor allem des jüdischen Fühlens, wo es weder Beweise der Logik, noch Beweise der Erfahrung gibt, wo vielmehr die jüdische Persönlichkeit den letzten Ausschlag erteilt. Irgendwie müßte die agudistische Tendenz etwas Neues, etwas Erstaunliches, etwas Verwegenes bedeuten, angesichts dessen selbst die Herzen der thoratreuen Glieder des jüdischen Volkes in instinktiver Zustimmung oder Ablehnung auseinandergehen, so daß eine Bewegung entstehen muß, um auf dem Wege der Entwicklung allmählich das ganze jüdische Volk dem Agudismus zu gewinnen. In der Tat stellt der Agudismus eine durchaus neue, ja erstaunliche und selbst verwegene Einstellung zu unserem — Golus dar. In all den vergangenen Jahrhunderten haben wir das Golus als eine über uns verhängte Strafe Gottes erachtet, haben das Leid des Golus als Sühne unserer Verfehlungen, als Auftrieb zu gesteigerter Thoratreue hingenommen, haben die immer noch wachsende räumliche Zerrissenheit unseres Volkes als Gottes Schickung getragen, haben uns durch die nach menschlichem Ermessen immer entfernter werdende Aussicht auf nationale Wiederherstellung nicht erschüttern lassen, haben die Zukunft unseres Volkes vielmehr gänzlich Gott anheimgegeben und der uns durch die geschichtlichen Verhältnisse auf gezwungenen, völligen Passivität, ja Abgestorbenheit unseres nationalen Willens einen Heldenmut des Duldens ohnegleichen entgegengestemmt.