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Nahalat tsevi · 1934-06-01 · Heft 9-10 (Juni 1934) · p. Seite 257

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Journal
Nahalat tsevi
Volume
IV (5694) 1933/34
Issue
Heft 9-10 (Juni 1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 257 (sequence 39)
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257 wohl mit Sinn und Bedeutung, jedoch ohne Seele, ohne Ursprünglichkeit, ohne jene geheimnisvolle Spannung und innerste Wucht des verströmenden Lebens. Nur Kindern und Dichtern gelingt meist die hohe Kunst, aus der Einfalt und klaren Eindeutigkeit ihres Wesens heraus, Worte zu er-leben, fie aufeinander zu bauen, unbekümmert um die Alltäglichkeit des üblichen Sprachgebrauches. Und doch, will es fcheinen, als ob in jedem Menfchen die Kraft liegen mühte, sein Hellstes und Verworrenstes hineinzuleben in sein Sprechen, wenn er nur seine Seele einhüllt in seine Worte, solche Worte aneinanderreiht zu Bausteinen einer Sprache, die edel ist und urwüchfig zugleich, durchflutet vom Leben. Doch meist kennen die heutigen Menfchen nur die welke Sprache der Wortbegriffe. Das Wort, dem die lebende Seele entflohen ist, wandelt fich in den Begriff. Der ״Begriff״ ist nicht mehr der Name der Erkenntnisse und Dinge, sondern nur ihre Benennung, nicht mehr ״Ausdruck״, vielmehr nur noch Be- Zeichnung, gleichsam stillschweigende Übereinkunft der Sprechenden zum Zwecke der gegenseitigen Verständigung. (Ran, Anfang Nedarim) Der alltägliche Mund verleiht dem Begriff stets nur Sinn, das denkende Hirn Schenkt ihm mitunter Bedeutung. Der Sinn eines Wortbegriffes ist sein Gebrauchsinhalt und praktifch unumstritten, die Bedeutung jedoch viel-deutig, abhängig von Meinung und Urteil. Der Wortfinn des Sprachbegriffes ״Mensch״ ist voll alltäglicher Klarheit, jedoch die Normierung aller denkbaren Bedeutungen dieses Begriffes bietet der Philosophie und der Naturwissenfchaft allerlei Möglichkeiten. Wirtschaft, Verkehr, Gesellfchafts- Ordnung, Staatskunst und vornehmlich die Wissenfchaft kennen die Begriffssprache, fie haben, als die Hauptfaktoren jeder menfdiliehen Zivilisation, die Bedeutungen einer endlosen Reihe von Bezeichnungen und Wortbegriffen fixiert. Doch findet diese Zweiteilung in Sinn und Bedeutung nur Raum in der Sprachwelt der Begriffe. Die urstämmige Namen-Sprache, das aus den Urgründen des menfchlichen Lebens hervorsprudelnde Wort hingegen kennt derartige Unterscheidungen niemals. (So wie z. B. der Schmerzens- Schrei: ״au!״ weder Sinn noch Bedeutung enthält, da er niemals Begriff ist, sondern vielmehr Naturlaut, lebendes Wort. Oder jene närrifchen Kosenamen, die eine Mutter eigens für ihr Kind erfindet.) Es find immer nur Ausbrüche innerer Lebendigkeit, die fich jeder gewaltsamen Einzwängung in die Enge der Begrifflichkeiien heftig widersetzen. So lassen fich in jeder Sprache eine gewisse Anzahl von

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