Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1934)
- Date
- 1934-06-01
- Page
- Seite 256 (sequence 38)
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256 Lebende Sprache. Von Ben Ghana. Jedes vom Menfchengeist gefchaffene und von Menfchenmund geformte Wort ist elementare Äußerung des im Innersten wirkenden Lebens. Dieses Leben hinter der Vielfalt seiner Erfcheinungsformen bleibt stetes Geheimnis. Das Bewußtsein erfährt wohl das Vorhandensein des Lebens, jedoch ohne die Fähigkeit, das innerste Wesen, den Inhalt dieser Erfahrungstatsache zu erkennen. Unser Wissen um das Leben ist nur Wissen um dessen Widerfchein, niemals aber das wahre Erkennen der Wirklichkeit des absoluten Lebens. Denn auch unser erkennendes und fühlendes Bewußtsein, das Denken und Empfindung bestimmt, somit auch unsre Sprache formt, ist nur Erfcheinungsform, nichts als die durchfchimmernde Schale um den Leuchtkern des Lebens. Ewiges Rätsel bleibt die Unergründlichkeit dieses Lebens, dessen Urgründen unsre S p r a ch fähigkeit entquillt. Die primitive menfchliche Ursprache ist Namen-Sprache, die weise Fähigkeit, Dinge und Zustände zu benennen, was wohl bedeutet, dem erkennenden und urteilenden Verhältnis des Menfchen zu den Begebenheiten sprachlichen Ausdrude, ״Namen" zu verleihen; eine Kunst, gezeugt vom Leben, selbst nur äußere Gewandüng um die geheimnisvollen Ursprünge der Persönlichkeit. Wenn Targum Onkelos den Satz in ״ :(7 .11) בראשית ... da ward der Menfch zur lebenden Seele" wiedergibt mit: ״...da ward der Menfch zum redenden Wesen" - so ist dies bezeichnend und wohl die tiefste Deutung der Sprache: die Lehre von dem innigen Durchdrungensein des Menfchenwortes vom Leben. Mitunter erfcheint selbst uns unsre zeitgenössifche Sprache zu abgegriffen, um Grundlegendem Ausdruck geben zu können. Dann, wenn das sprachliche Empfinden aufdämmert, daß die intime Bindung des Gesprochenen mit den seelifchen Inhalten gerissen ist. Daß kaum ein Wort ausgesprochen, gedacht, niedergefchrieben werden kann, ohne daß sich nicht mit selbstverständlicher Bestimmtheit gedankliche Festlegungen damit verknüpfen, die die Ausdrucksfähigkeit des fchlichten Wortes empfindsam hemmen. Oder, - wenn Worte, abgenutzt, verbraucht, finnentstellt, verallgemeinert, kein Leben mehr atmen, nichts find als nur - Mitteilung. Es bleibt oft nur ein kleiner Kreis von Worten, die, da fie noch nicht durch tausend Münder gegangen find, in fich die blutwarme, sprudelnde Natürlichkeit des Lebens tragen. Das übrige find Worte,