Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 5-6 (Februar 1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 114 (sequence 4)
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114 N0nS-Ouvertüre unserer Peßachhagadah angedeutet הלי דכפין ייתי וייכול jeder, der hungrig ist, komme und esse! Aus ungezählten judifchen Häusern erklingt dieser Ruf in der Sedernacht. Und wo in aller Welf gäbe es ein jüdifches Herz, das nicht im innersten ergriffen wäre von dieser ״naiven" Art, wie unsere Peßachhagadah die soziale Frage des jüdifchen Volkes, das Problem der materiellen Judennot löst! Gewiß: das überströmende Gefühl hilfsbereiter Nächstenliebe macht es nicht allein. Gewiß muß auch auf dem Gebiete der Wohltätigkeit mit Verstand und Überlegung gearbeitet werden. Gewiß darf und soll der Armut zu Leib gerückt werden mit allen vernünftigen Mitteln sozialer Organisation und Strategie. Allein, so gewiß ein Feldherr, und wenn er noch so tüchtig ist, den Krieg verliert, wenn er bloß mit toten Zahlen und Daten operiert und bei seinen siraiegifchen Berechnungen das unwägbare seelifche Moment übersieht und vergißt, daß Menfchen keine Schachfiguren sind, sondern lebendige Gefchöpfe aus Fleifch und Blut, aus Geist und Herz, so gewiß darf auch ein Stratege der Wohltätigkeit nie vergessen, daß es etwas gibt, was wichtiger ist als alle Wohltätigkeitsvereine und wohlorganisierte Wohlfahrtsinstitute mit sauberer Rechnungsführung und einwandfreien Kassaabfchlüssen: das alte jüdifche Herz, das, im Innersten ergriffen vom Jammer der leidenden Kreatur, in überfchwenglichsier Nächstenliebe ausruft:!כל דכפין ייתי וייכול jeder, der hungrig ist, komme und esse!!כל דצריך ייתי ויפסח wer bedürftig ist, der komme und beteilige sich an der Feier des Peßachfestes. Nach der gewöhnlichen Auffassung wird hier das Wort ״bedürftig" im Sinne von ״hungrig" verstanden, was aber nach dem vorhergehenden Satze כל דכפין ייתי וייכול eine ganz überflüssige Wiederholung wäre. Ich glaube» daß diesem zweiten Satze unserer לחמא xn-Ouvertüre nicht die materielle Judennot, sondern die geistige Judennot vorfchwebt. Wir sollen am Sederabend nicht bloß an die materiell Bedürftigen denken, sondern auch an die geistig und seelifch Bedürftigen, an die große Schar unserer bedauernswerten Glaubensbrüder, die sich dem Judentum entfremdet haben, die aber trotz ihrer Entfremdung von einer unbestimmten Sehnsucht erfüllt sind nach jüdifchem Sein, jüdifchem Denken und Fühlen und jüdifchem Leben. Diesen geistig und seelifch Bedürftigen rufen wir am Sederabend zu: כל דצויך ייתי ויפסח wer bedürftig ist, der komme und beteilige sich an der Feier des Peßachfestes. Hier בשעה שיש מצה וכוי bei der Feier des Peßachfestes, da könnt ihr lernen, was Judentum bedeutet.